Von "Erdbeeren im Winter" und kritischen Gedanken zur Globalisierung

30. September 2004, 13:35
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Thomas Nowotny warnt vor wachsenden Ungleichheiten und fordert "Good Governance" ein - Arme in reichen Staaten und ganz arme Staaten als Globalisierungsverlierer

New York - Dem komplexen Thema der Globalisierung hat sich der österreichische Diplomat und Politologe Thomas Nowotny gewidmet und das Ergebnis, sein neues Buch "Strawberries in Winter", am Mittwoch bei einer Veranstaltung mit dem "East-West Institute" im Österreichischen Kulturforum in New York präsentiert.

Der Buch-Titel "Erdbeeren im Winter" steht als Ausgangspunkt für seine Gedanken zu den Veränderungen in der Welt, die jedenfalls den Bewohnern der reichen Länder früher ungeahnte Konsum-Möglichkeiten bieten.

Welche Mechanismen für das Funktionieren der globalen Welt sorgen und welche Gefahren sich dabei auftun, hat Nowotny untersucht und dabei dem Glauben an die Macht von selbstregulierenden Märkten eine Absage erteilt.

Märkte brauchen Regelungsmechanismen

Märkte brauchen Regelungsmechanismen, damit die Marktteilnehmer in sie vertrauen können, und das Geld sei keine selbstständige Größe sondern eine politisch-soziale Konstruktion, führte Nowotny aus: Statt dem Aufdruck auf den US-Dollars "In God we trust" müsste es dort eigentlich heißen "Wir vertrauen der Nationalbank".

Auch die Theorie, dass für die internationalen Beziehungen die Regierungen als Spitzen der nationalen Hierarchie zuständig seien, müsse in der globalisierten Welt durch ein Netzwerk von nichtstaatlichen Organisationen, internationalen Organisationen, Regionalgruppen und stärkere direkte Beziehungen auf allen Ebenen eines Staates nach außen ersetzt werden.

Reichtum verdreifacht

In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt, der globale Reichtum hat sich verdreifacht. Wer sind nun die Gewinner der Globalisierung? Laut Nowotny profitieren in jedem Staat die reichen, und in armen Staaten auch die armen Schichten der Bevölkerung.

Als echte Globalisierungsverlierer macht er die wenig gebildeten "Blue-Collar-Worker" in den reichen Staaten aus. Und auf Staatenebene bringe die Globalisierung den reichen Staaten mehr Wohlstand und Wachstumszuwachs als den ärmeren Staaten.

Obwohl es einige Erfolgsstories wie Japan und Südkorea gebe, die mit schnellerem Wachstumstempo aufschließen, blieben ganz arme Staaten immer weiter zurück. Kleine Staaten wie Österreich könnten durch die Öffnung der Märkte und den globalen Handel neue Exportchancen nützen.

The sky is the limit

Dass die globalisierte Weltwirtschaft einmal an die Grenzen des Wachstums stoße, etwa durch beschränkte Ressourcen oder nicht mehr tragbare Umweltverschmutzung, glaubt Nowotny nicht. Viele Rohstoffe könnten durch andere ersetzt werden, auch bei Energieträgern gebe es noch viele Reserven oder eben Preissteigerungen und ein Ausweichen auf Alternativen.

Die Umweltverschmutzung steige zwar zunächst mit wachsendem Wohlstand, aber könne dann bei weiter wachsendem Wohlstand durch geeignete Umweltschutzmaßnahmen wieder gesenkt werden.

Wachsende Ungleichheiten

Als größeres Problem sieht Nowotny die wachsenden Ungleichheiten bei der Verteilung des Wohlstands: Während einige Staaten immer reicher werden, bleiben andere weit dahinter zurück.

Und während innerhalb der Staatsgrenzen bei politischem Willen noch für Umverteilung gesorgt werden könne, passiere dies zwischen den reichen und armen Staaten kaum. Kritisch beleuchtet der ehemalige Diplomat auch die Rolle der USA als einzig verbliebene und militärisch weit überlegene Supermacht, deren Anteil an der Weltwirtschaft aber sinke.

Die Demokratie als beste Staatsform werde durch niedrige Wahlbeteiligung, Misstrauen gegenüber Politikern und verantwortungslose Medien sowie wachsenden Einfluss von nicht gewählten Institutionen geschwächt.

Good Governance

Nowotnys Fazit: "Good Governance", also eine politisch-sozioökonomische Lenkung mit Verantwortungsbewusstsein für das Gesamtwohl, müsse die Globalisierung begleiten. Die derzeitigen Lenkungs-Instrumente seien aber unzureichend, um mögliche Risiken einzugrenzen und potenziell katastrophale Entwicklungen, etwa eine Abkehr vom Freihandel, noch unbekannte Konsequenzen aus wissenschaftlichen Neuerungen wie Gentechnik, oder die Explosion von politischen Krisenherden und massive Instabilitäten verhindern zu können, verweist Nowotny auf die Schwächen des Systems.

Dr. Thomas Nowotny war im österreichischen diplomatischen Dienst tätig, so etwa als Generalkonsul in New York und als Leiter der Planungs- und Grundsatzabteilung im Außenministerium. Der ehemalige Mitarbeiter von Altbundeskanzler Bruno Kreisky lehrt an der Universität Wien Politikwissenschaft. Sein Buch "Strawberries in Winter" hat er - ganz im Sinne der Globalisierung - in Englisch publiziert. (APA)

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