C.Reif, Begegnung mit Lancelot, Tristan und Parzival

7. Oktober 2004, 19:36
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Neulich ist mir Lancelot begegnet. Dicht gefolgt von Tristan und Parcival. Knights in shining armours, wie der Popsong so schön sagt. Mit großen, bunten Helmen auf schweren, stählernen Rössern aus dem Gestüt derer von Nokia, wie sie jetzt überall in Wien herumhängen. Ja, ich meine diese nicht sehr eleganten Fahrräder, mit denen die Wagehälse von heute sich helmbewehrt in den täglichen Straßenkampf werfen. Oder jedenfalls daneben, auf den befestigten Radweg. Ich saß gerade bei H. im neuen Porsche Carrera, den er testen sollte, schaute den Rittern nach und war wieder heilfroh, dass H. weder Rad fährt noch Helm trägt.

Lancelot, Tristan und Parzival waren übrigens rüstige Pensionisten, und, wir wissen, Pensionisten müssen noch gut 20 Jahre fette Pension verteidigen gegen die Horden jugendlicher Raser (also H. und ich), die auf Wiens Ausfallstraßen Formel 1 nachspielen. Jetzt frage ich die Wiener Polizei: Warum verbieten Sie nicht diese Helme? Die Ästhetik des Stadtbildes leidet definitiv! Was ist da so schützenswert in diesen Hirnen, was es rechtfertigt, dass man es mit einem Helm verunzieren muss? Und außerdem: Dieser Helm schützt sicher das Großhirn, aber das Kleinhirn, da schien noch reichlich Luft hinzukommen. Die Halswirbel liegen Angst erregend frei - ja, die Industrie sollte schleunigst den Integralhelm für Radler entwickeln. Dann ist immer noch das Brustbein ungeschützt, wo sich ein Porsche-Seitenspiegel tief einbohren kann. Brustpanzer her! Die Fortpflanzungsorgane müssen nicht extra verschalt werden, wegen des Alters dieser Draufgänger, aber die Beckenknochen. Jeder weiß, wie teuer künstliche Hüften die Krankenkassen kommen.

Apropos teuer: Mir kommt da eine Geschäftsidee. Ich schreib jetzt ein Buch: "Die Null-Risiko-Gesellschaft". Vorne auf dem Titel sitzt jemand mit Radfahrhelm vor dem Fernseher und schaut Formel 1. Was in diesem Buch steht, hat natürlich locker in einer Kolumne Platz, aber die anderen Gesellschafts- und Generationsbücher sind schließlich auch nur breitgewalzte Kolumnen. Ein Buch gibt einem ja endlos mehr Sicherheit. Bernie Ecclestone zeigt einfach Logos, da steht Formel 1 drauf und Marlboro, Todesverkündigungen funktionieren ganz schnell. Wer dahingegen Sicherheit haben will, braucht Hardcover und Bestseller-Listen.

Die "Null-Risiko-Gesellschaft" wäre bestimmt ein Bestseller, denn nicht nur Radfahrer würden es lesen. Auch leitende Angestellte und Kunden von Werbeagenturen. Sogar Aktienspekulanten, schätze ich. Bei dieser Gelegenheit ein dringlicher Wunsch an denjenigen, der das alte, hellgrüne Vollblut-Rennrad aus dem Hof der Schleifmühlgasse Nr. 3 entwendet hat: Schämen Sie sich, Sie Unhold! Nur weil es nicht abgeschlossen war, heißt das noch lange nicht, dass es mir nichts bedeutete!
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/24/09/2004)

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