Musikrundschau, Unterabteilung: dem Alter eine Chance!

1. Oktober 2004, 21:23
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Neue Alben von Marianne Faithfull, Jim White und Elvis Costello

MARIANNE FAITHFULL
Before The Poison
(Naive/ Edel)
Nick Cave hat nicht nur gerade ein intensives und wildes Doppelalbum veröffentlicht, Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus. Gemeinsam mit seinen Bad Seeds zeichnet er musikalisch unter der Regie des großen, verrückten US-Produzenten Hal Willner auch für drei Songs auf diesem Höhepunkt in der Karriere der geistesverwandten britischen Tragödin Marianne Faithfull verantwortlich. Die lyrische Balladen Crazy Love und There Is A Ghost stehen dabei der hier gebrochen wie noch nie skandierenden 57-jährigen Rock-Diva ebenso gut wie der psychotische Soul-Funk von Desperanto.

Der Rest dieser zehn Songs wird von Blur-Mastermind Damon Albarn, vertreten mit einem folkig-symphonischen Klagelied, und dem US-Komponisten Jon Brion beigesteuert. Den Hauptanteil der Songs komponierte allerdings die erst jüngst an dieser Stelle mit ihrem Album Uh Huh Her vertretene britische Bluesrock-Hysterikerin PJ Harvey. Gerade ihren sonst stark zur Überzeichnung neigenden Liedern tut der stoische, beseelte Vortrag von Faithfull entschieden gut.

JIM WHITE Drill
A Hole In That Substrate And Tell Me What You See
(Luaka Bop/Edel)
Produziert von Joe Henry, dessen Meisterwerk Scar in keiner Sammlung fehlen sollte und der 2003 auch für das Comeback des unten genannten Solomon Burke verantwortlich zeichnete, entwirft der Mittvierziger White hier ein hypnotisches Szenario einer textlich üppigen wie hochliterarischen "Southern Gothic"-Welt zwischen Trailerparks und Fastfood-Lokalen, das immer wieder auch an die Bildwelten eines Tom Waits erinnert.

ELVIS COSTELLO & THE IMPOSERS
The Delivery Man
(Lost Highway/Universal)
Im Vorjahr sorgte Costello mit North, der im Zeichen des gehobenen Orchesterkitsches stehenden Liebesbotschaft an seine neue Frau, Jazzdiva Diana Krall, wieder einmal für gehörige Verstörung bei seinen Hörern. Und auch sein jetzt zeitgleich mit dieser Songsammlung bei der Deutschen Grammophon erscheinendes klassisches Orchesterwerk Il Sogno dürfte kaum begeistert von der Stammkundschaft aufgenommen werden. Dafür aber hat sich Costello zumindest gemeinsam mit seinen Begleitern The Imposers wieder halbwegs erholt. Nach Aufnahmen im Süden der USA und hörbar beeinflusst von Country und Deep Soul, gibt Costello zwar drei eher belanglos-schwelgerische Duette mit Emmylou Harris. Der Rest kann sich aber durchaus mit der prächtigen Form seines Albums When I Was Cruel aus 2002 messen - insbesondere sein bitterer Scheidungssong Country Darkness und das mächtige, noch gemeinsam mit seiner heutigen Exfrau für Soulgott Solomon Burke verfasste The Judgement.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.9.2004)

Von
Christian Schachinger

  • ELVIS COSTELLO & THE IMPOSERS The Delivery Man  (Lost Highway/Universal)
    foto: universal

    ELVIS COSTELLO & THE IMPOSERS
    The Delivery Man
    (Lost Highway/Universal)

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