Einmal gut, (fast) immer gut

1. Oktober 2004, 21:23
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Neue Alben der Soul- Sängerin Joss Stone, der Singersongwriterin Feist und der Bastard- Jazz-Croonerin Amy Winehouse

Drei Traditionen, drei Künstlerinnen, drei Werke. Die Soulsängerin Joss Stone, die Singersongwriterin Feist und die Bastard-Jazz- Croonerin Amy Winehouse vergehen sich genüsslich an den diversen Spielarten der Vergangenheit.


Der Begriff "neu" wird im Pop gerne mit "noch nicht da gewesen" übersetzt - beziehungsweise verwechselt. Weil es aber keinem Genre gegeben ist, sich ständig zu erneuern, münden derartige Forderungen nicht selten in Kulturpessimismus: "Früher war alles besser." Diese Abteilung. Zwar erscheint derartiger Defätismus angesichts manch eines gänzlich ohne eigene Ideen ausgestatteten Revival-Acts verständlich. Immerhin macht der Zu- und Umgang mit der Vergangenheit den Qualitätsunterschied aus. Gerade in der Tradition, die in den revolutionärsten Momenten des Pop gerne genüsslich in Grund und Boden gerammt wurde, finden viele Künstler heute ihre Inspiration.

Joss Stone, Amy Winehouse und Feist sind drei aktuelle Beispiele, die sich mit teils erstaunlichen Resultaten an Traditionen schmiegen - oder sich an ihnen reiben. Die Ergebnisse reichen von der Pflege bis zur Neuschöpfung. Ersterem verschreibt sich Joss Stone auf ihrem Album Mind, Body & Soul. Auf seinem Debüt, The Soul Sessions, bislang über zwei Millionen Mal verkauft, überraschte der britische Teenager mit einem mehrheitsfähigen Blue-eyed-Soul, der sich zwischen Klassikern von Aretha Franklin und einer Richtung Soul und Funk gedeuteten Version des White-Stripes-Songs Fell In Love With A Girl ein lauschiges Plätzchen schuf.

Auf Mind, Body & Soul erfährt sie zwar wieder Unterstützung von Soul-Granden wie Betty Wright, Latimore und Timmy Thomas. Allein der Charme, der die Soul Sessions auszeichnete, weicht einem berechnend wirkenden Schielen auf Gewinnmaximierung. Das geht natürlich auf Kosten der emotionalen Dichte des Albums, das, bis auf einen Reggae-Ausflug, allzu stromlinienförmig erscheint. Es mangelt an Bruchstellen, am Mut, das Potenzial der jungen Lady voll auszuschöpfen

Mit ungleich bescheideneren Mitteln schafft die Kanadierin Feist Bewegenderes: Auf Let It Die, weit gehend mit einem Vierspurgerät aufgenommen, besticht sie mit einer Gänsehaut erzeugenden Stimme, die in ihrem Idiom ein wenig an die drei New Yorker Folk-Zynikerinnen The Roches erinnert. Auch formal sucht und findet Leslie Feist ihr Heil in einem Folk, den sie stellenweise in einen filigranen Pop überführt - zusammengehalten und charakterisiert durch ein ausgeprägtes Gefühl für Auslassung und Komprimierung. Ausgewählte Coverversionen (etwa von Landsmann Ron Sexsmith) runden das in Paris entstandene und deshalb auch zart frankophil anmutende Werk beschaulich ab.

Die spannendste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit präsentiert Amy Winehouse auf ihrem Debüt Frank. Die junge Britin wird sich zwar Vergleiche mit ähnlich gelagerten Zeitgenossen wie Jamie Cullum oder Nellie McKay gefallen lassen müssen. Zu ihrer Stimme, die an Größen wie Dinah Washington und ähnliche Kaliber erinnert, stellt sie jedoch nicht nur jazzige Pianomelodien, sondern auch rumpelnde HipHop-Beats. In Fuck Me Pumps spricht sie dann auch eine Sorte Klartext, die sie vom Verdacht, auf Omis Geldbörse zu zielen, freispricht. Winehouses unverkrampfter Umgang mit ihrem Material macht Frank zu einem durchgängig gelungen Album. Spitzen-Late-Night-Jazz in einem Club für pensionierte Raver, die noch einmal wissen wollen, warum sie sich an nichts erinnern können. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.9.2004)

Von Karl Fluch

Joss Stone: Mind, Body & Soul (EMI) Ab 27. 9.

Feist: Let It Die (Universal)

Amy Winehouse: Frank (Universal)
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Die Kanadierin
Feist
in Jane-Birkin-Pose
    foto: universal

    Die Kanadierin Feist in Jane-Birkin-Pose

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