Schreiben auf Knopfdruck

23. September 2004, 09:59
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Schreiben lernen ist eine mühsame Angelegenheit. Es braucht mindestens ein Jahr Drill, bis Erstklassler halbwegs schreiben können. Bis die Kulturtechnik zur zweiten Natur wird, vergehen weitere Jahre. Manche Kinder haben dabei offenbar Blockaden und lernen schreiben erst nach einigen Jahren; manche Kinder mit Behinderung können diese Fertigkeit oft erst spät und nur mit großer Mühe erlernen.

Es gibt eine einfachere Methode, schreiben zu lernen - die Tastatur eines PC. Kinder mit Downsyndrom, die aufgrund ihrer beeinträchtigen Feinmotorik meist später als andere schreiben lernen, schaffen dies mit Hilfe eines Computers teilweise schon vor dem Schulalter.

Trotzdem beschäftigt sich die Schule nicht ernsthaft mit der Frage, ob es in den kommenden Jahren nicht zu einem Wechsel der Methode kommen soll, wie Kinder die Welt der Schrift betreten. Natürlich gibt es ernst zu nehmende Einwände: Papier und Bleistift sind überall verfügbar, Computer nicht. Und: Handschrift ist etwas Persönliches, darauf dürfen wir nicht verzichten. Beides stimmt (zumindest derzeit), geht aber am Kern der Frage vorbei, ob Kinder mit Hilfe elektronischer Schreibgeräte leichter schreiben lernen würden.

Schrift ist kein Selbstzweck; Kinder lernen sie, damit ihnen die Welt geschriebener Information offen steht. Handschrift könnte gelernt werden, nachdem das Schreiben per Tastatur gelernt wurde. Und zur Verfügbarkeit von Elektronik versus Papier und Stift? Wir befinden uns inmitten eines technologischen Umbruchs: In zehn, zwanzig Jahren werden elektronische Schreibgeräte ebenso leicht verfügbar sein. Ein Handy (mit dem man schreiben kann, obwohl es für wirkliches Schreiben völlig ungeeignet ist) hat bald jeder in der Tasche; das zeigt, dass Elektronik bei uns bereits jetzt fast so verbreitet ist wie Papier.

Natürlich wird niemand das im Großen und Ganzen funktionierende System des Schreibenlernens von heute auf morgen ersetzen. Das Prinzip des "Never touch a running system" kann man auch darauf anwenden. Aber wenn wir neue, wahrscheinlich bessere elektronische Methoden nicht ernsthaft prüfen und erproben, verpassen wir die Chance, etwas besser als bisher zu machen. []

Taferlklassler sollten mit Computern in die Welt der Schrift eingeführt werden, fordert Helmut Spudich
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