Mit Genuss ins Gras beißen

18. Februar 2005, 15:50
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Gundelrebe, Quendel und Giersch stöberte Elisabeth Hewson bei einer Kräutertour auf heimischen Almen auf. Anschließend wanderte sie auf den Tisch - die Botanik

Kühe, Ziegen, Schafe tun es. Jetzt auch fröhliche Wanderer: das Grasen auf den Wiesen, das Zupfen an Kräutlein, das Schmecken von Blättlein und Blüten. Denn einfach so vor sich hin spazieren, sinn- und zwecklos, das tut heute niemand mehr. Entweder man greift sich zwei Walking Sticks und ist nordisch, Pardon, nordic unterwegs, oder man hechelt auf Erlebniswegen von einer Duft-, Bild- oder Rätseltafel zur nächsten.

Macht Sinn. Und den braucht man eben. Oder man zupft Kräutlein. Diesen besonders schmackhaften Sinn haben sich Tourismusverbände, Hoteliers und Fremdenverkehrsgemeinden in ganz Österreich einfallen lassen. Sie bieten Kräuterwanderungen an: Bewaffnet mit Plastiksackerln, Messern und Scheren marschieren Grüppchen meist älteren Kalibers, den Blick auf den Boden statt die Gipfel gerichtet, durch den üppigen Grünbewuchs von Gebirgstälern und Hochwiesen. (Weiden sind zu meiden, dort treibt sich die Konkurrenz herum und verteilt die wenig schmackhaften Kuhfladen.) Doch auch jüngere Herbarierinnen sind, wenn sie einmal Lunte, oder besser Blüte gerochen haben, diesem Freizeitsport nicht abgeneigt, wird doch auch von berauschenden Kräutlein gesprochen, die einstmals Hexen für Trips zum Blocksberg oder ins eigene Ich zusammenbrauten.

Leser von Krimis kommen ebenfalls auf ihre Rechnung, wachsen auf unseren unschuldig wirkenden Almen doch auch "Altsitzer", eine gar liebevolle Umschreibung für Giftkräuter, die den Ahnln gerne serviert wurden, um das Ausgedinge, den kleinen Alterswohnsitz neben dem Bauernhof, endlich frei und einen Esser weniger zu haben.

Was aber besonders reizt, sind die neuartigen Geschmackserlebnisse, die das Kauen an diesem oder jenem Blättchen oder Stängel bietet. Und die Würzmöglichkeiten, die Fisch und Fleisch einen innovativen Duft, dem Salat oder der Beilage frische Feinheiten einhauchen. Wobei auch die Optik bedient wird, denn Blüten, über langweilig grünen Salat gestreut, lassen noch lieber zubeißen.

Sogar Meisterkoch Witzigmann wurde vor wenigen Wochen von der Vogelmiere bezaubert und der Gundelrebe begeistert, von Quendel und Giersch überzeugt, die er mit Zupfhilfe von Hotelier und Kräuterfan Felix Salfitzky auf der Kögerl-Alm hoch über Bad Dorfgastein am urigen Holzherd in den Buchweizen-Kräuterrisotto streute.

Kosmetik zum Ernten, Freude am Leben zum Pflücken

Und dann gibt es auch noch die heilende Wirkung: gegen Blasen, die man sich beim Sammeln holt (ein gewisses Nullsummenspiel), Husten, Verstopfung und das Gegenteil, für Entschlackung, Entzündungshemmung im Hals und sonst wo. Kosmetik ist zu ernten, Freude am Leben gibt es zu pflücken, mit ein paar Blättchen wird sogar der Hunger besiegt und damit das Abnehmen gefördert.

In Bad Hofgastein ist man besonders emsig dabei, diesen neuen Freizeitsport zu vermitteln. Es gibt dort spezielle Führungen der TCM-Therapeutin und Mineralogin Eva Mosheim-Heinrich, die das System der chinesischen Medizin auf unsere heimischen Kräutlein anwendet, weil sie der Meinung ist: "Pflanzen wachsen dort, wo sie gebraucht werden." Wer es lieber bodenständig mag und weniger die Medizin als Wellness im Sinn hat, sollte sich im Österreichischen Hof einquartieren und mit dem Hausherren, erwähntem Felix Salfitzky, eine Kräuterwanderung machen. Die Begeisterung dieses Pflanzensammlers, der mit seinen Kräutermischungen im Familienselbstversuch weder Frau, Kind noch Hund "verschont", ist ansteckend und dauerhaft verhaltensverändernd: Nach einem halben Tag mit Spitzwegerich, Ringelblume,Schafgarbe, Beinwell und rotem Klee kann man nie wieder in der Botanik umherstreifen, ohne Blättchen zu kauen und Stängel zu kiefeln.

Denn was alles so essbar ist und auch noch gesund und schmackhaft, würde sich ein Städter und so mancher Landbewohner nie träumen lassen. Viele unscheinbare, allüberall wachsende Pflänzchen werden - völlig zu Unrecht, wie man lernt - als Unkraut verachtet. "Ewig schade, was da alles in Gärten ausgerupft, weggeschmissen und bekämpft wird", beklagt Felix Salfitzky und gibt zu jeder Pflanze gleich mundwässernde Rezepttipps: Rote Kleeblüten gehören auf Salat und schmecken nussig. Breitwegerich-Samenstängel kann man einlegen wie kleine Maiskolben. Schafgarbenblüten, angeröstet, passen wunderbar in das Erdäpfelgröstel. Und Beinwell, zwischen Lagen von Weichkäse gelegt, gibt diesem einen ungewöhnlichen Geschmack und ist auch noch gut für das Bindegewebe und die Knorpelbildung.

Vielleicht tragen manche missachtete Unkräuter einfach die falschen Namen? Wer möchte schon gerne "Hühnerdarm" über seine Spaghetti streuen? "Vogelmiere" klingt wenigstens ungewöhnlich, da wird die kräftigende Wirkung gleich ein wenig glaubhafter. Dass man bei all diesem Schauen und Schnüffeln und Kauen und Sammeln auch gleich viel Bewegung macht, in herrlicher Luft, und fast unbemerkt bemerkenswerte Höhenmeter überwindet, ist ein weiteres Argument fürs Kräuterwandern. Wenn es das überhaupt noch braucht.

Wobei es gar nicht Frühling sein muss, auch im Herbst, bis zum Schneefall, kann man Kräuter sammeln und dann gleich für den langen Winter für köstliche Tees trocknen. Hauptsache, es gibt davor zwei bis drei Tage Sonnenschein, denn dann sind die Kräutlein besonders würzig und wirksam. Wer wann wohin in der Region Gastein Wanderführungen macht, kann man täglich aktualisiert unter: wandergastein.com nachlesen. (DER STANDARD/rondo/24/09/04)

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