Jetzt kommt der Bio-Burger

23. Dezember 2004, 14:22
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Nach low-fat und low-carb entdeckt Amerika nun zögerlich die Bio-Welle. Aber die Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt

Etwas mehr als 480 Aussteller präsentierten auf der jährlich stattfindenden "Organic Trade Show" in Chicago, was ihre Felder, Ställe und Küchen so hergeben. 480 Aussteller, das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass die heuer zum vierten Mal stattfindende Organic Trade Show die wichtigste Bio-Lebensmittelmesse der Vereinigten Staaten ist, und dass die Vereinigten Staaten der mit Abstand wichtigste Lebensmittelproduzent weltweit und ein Barometer für Entwicklungen und künftige Trends am Lebensmittelsektor sind.

Auf 14 Milliarden Dollar schätzt Bryce Lundberg, kalifornischer Bioreis-Farmer mit immerhin 5700 Hektar Land, den Markt für Bio-Lebensmittel in den USA, das ist minimal, "für biologische Lebensmittel interessieren sich in Amerika höchstens drei bis sechs Prozent der Bevölkerung, ein Nischenmarkt". Und von diesen drei bis sechs Prozent wiederum wüssten nicht mehr als fünfzehn Prozent, was "organic" überhaupt bedeutet.

Aber immerhin, was nicht ist, kann ja werden - und wird. Seit zehn Jahren stiege die Produktion von biologischen Lebensmitteln jährlich um 20 Prozent, erklärt John Taylor, Erzeuger von biologischen Dörrzwetschken in Yuba City, Kalifornien, was aber nicht nur auf ein wachsendes Bewusstsein bei den Konsumenten zurückzuführen sei, sondern auch auf die strenger werdenden Zulassungsbestimmungen für Insektizide. Die auch für John Taylor persönlich den Ausschlag gaben, auf biologische Produktion umzusteigen, als er 1989 nämlich einmal beim Spritzen sein eigenes Haus vergiftete. Früher hätte er die Feldarbeit in einem Overall und mit Atemschutzmaske machen müssen, erinnert sich auch Ed Sills aus Pleasant Grove im kalifornischen Central Valley, wo er unter anderem auf 80 Hektar Bio-Popcorn erzeugt. Vor kurzem stellte er sogar speziell jemanden dafür an, die Unterschiede von Insektizidrückständen in biologischem und in herkömmlichem Saatgut zu erforschen, was bei seinen Nachbarfarmern auf wenig Begeisterung stieß.

Die Farmen sind kleiner, die Distanzen näher"

In Oregon sei das jedenfalls alles ein bisschen anders als in den agrarischen Hochleistungszentren von Kalifornien, beruhigt Patrick Mayer vom Oregon Department of Agriculture, "die Mentalität ist anders hier, die Farmen sind kleiner, die Distanzen näher". "Sustainable" sei in Oregon derzeit der große Renner, also Nahrungsmittel von glücklichen Böden, hergestellt von sozial gut abgesicherten, glücklichen Menschen, "zwar nicht wirklich biologisch, bei den Intellektuellen aber sehr beliebt". Immerhin 64 Bauernmärkte gibt es in ganz Oregon, und Projekte wie "Tilth", ein 1974 von Hippies gegründetes und mittlerweile institutionalisiertes gemeinnütziges Gartenprojekt mit 600 zahlenden Mitgliedern, spiegelt die biologische Aufbruchsstimmung in dem Staat im nordwestlichen Eck der USA ganz gut wider.

Bemerkenswert auch, dass die Bioszene Oregons stark mit den besten Köchen des Landes zusammenarbeitet, Greg Higgins zum Beispiel, der in seinem Restaurant in Portland vornehmlich mit biologischen Produkten aus der Region arbeitet. "Es ist doch besser, sein Geld auf den Tisch zu legen, als es zum Arzt zu tragen", sagt er, und dass ein durchschnittliches Essen heute 3500 Meilen zurücklegt, muss nach Meinung des charismatischen Kochs, der sich auch stark in der sehr biologisch ausgerichteten "chefs cooperative" engagiert, auch nicht sein. "Ich habe pro Jahr 10.000 Kunden in meinem Restaurant - das ist schon ordentlich Potenzial für Überzeugungsarbeit."

Dass "bio" in den USA ähnlichen Zuspruch findet wie die "light"-Welle der Achtzigerjahre und die augenblicklich grassierende "low carb"-Hysterie, ist allerdings kaum vorstellbar - die Industrie würde davon nämlich nicht profitieren. (DERSTANDARD/rondo/Florian Holzer/24/09/04)

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