Quack, der Salbenverkäufer

27. September 2004, 20:27
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Kulturhistorisch wertvolle Darstellungen der Medizin des 17. Jahrhunderts werden im Dorotheum versteigert

Im Rahmen der Auktionswoche des Dorotheums gelangt in der Sparte Alte Meister eine kulturhistorisch wertvolle Sammlung zur Versteigerung: 18 Gemälde, die den medizinischen Wissensstand und die Behandlungsmethoden des 17. Jahrhunderts dokumentieren.


Wien - Den Grundstein dieser Sammlung legte die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg vor rund 20 Jahren. Diese Form der Traditionspflege des ärztlichen Berufsstandes sollte gleichzeitig auch als Wertanlage fungieren. Und Experte Peter Wolf ist stolz, diese nun auf dem internationalen Markt anzubieten, umso mehr, als Sotheby's bereits vor Jahren mit dieser Stuttgarter Institution Kontakte pflegte und die Sammlung expertisierte. Eine amerikanische Fachinstitution soll für die je zwischen 2000 und 10.000 € veranschlagten Dokumente der Medizingeschichte bereits Interesse angemeldet haben.

Das 17. Jahrhundert war eine Periode des Umbruchs, in der alte Thesen durch Forschungsergebnisse jüngerer Gelehrter abgelöst wurden: Der Italiener Sanctorius erfand das klinische Thermometer (1612), William Harvey entdeckte den Brutkreislauf (1628), Chinin wurde in Europa als Arzneimittel eingeführt (1632) etc. Im Krieg um die Eroberung des Wissens blieb die Hauptschlacht diejenige des Lebens gegen den Tod. Im Kampf gegen Krankheit und Schmerz hatten die Ärzte und Spitäler viele Feinde: körperliche Unsauberkeit, öffentlicher Schmutz, Kerker, Quacksalber mit magischen Arzneien, "wissenschaftliche" Mystiker, Bruchheiler, Gallensteinschmelzer, Starstecher, Harnbeschauer. Gleichzeitig liefen neue Krankheiten mit neuen Heilmitteln um die Wette. Epidemien waren weniger Ausnahme denn die Norm, wie die Beulenpest belegt: 1604 soll die Seuche in Frankfurt so stark gewesen sein, dass nicht mehr genügend Leute vorhanden waren, um die Toten zu begraben und 1630/31 starben daran in Norditalien eine Million Menschen.

Die Fruchtbarkeit der Frauen konnte mit der Erfindungskraft des Todes kaum Schritt halten und zwei Fünftel aller Kinder starben vor Vollendung des zweiten Lebensjahres. Der Bedarf an medizinischer Heilung war entsprechend groß. Obwohl man noch immer ohne Doktorgrad praktizieren konnte, war die medizinische Ausbildung strenger.

Bologna, Padua, Basel, Leiden, Montpellier und Paris besaßen berühmte medizinische Fakultäten. Die Therapie ging allmählich von Kröten zu Blutegeln über. Und die Patienten jammerten über die Honorare der Ärzte (noch mehr aber über die der Apotheker), während sich Stückeschreiber über deren lange Talare und ihre Feierlichkeit am Krankenbett lustig machten. Diese Sammlung niederländischer Bilder ist insofern als kulturhistorisch wertvolle Dokumentation, vor allem der Berufsbezeichnungen, zu sehen. Bei Gerard Thomas stößt man auf den "Quacksalber" (7000-10.000 €), ein Begriff, der jemanden ohne medizinische Ausbildung meinte und der auf die niederländischen Wörter "kwakken" (wie eine Enge schnattern) und "zalver" (Salbenverkäufer) zurückgeht.

Szenen in Baderstuben, jenem Berufsstand, der abgesehen von der klassischen Friseurarbeit damals auch für kleinere Operationen oder Zahnziehen zuständig war, finden sich bei Gerard Thomas (7000-9000 €), einem Nachfolger von Gerard Dou (4000-6000 €), aus dem Umkreis von Adriaen van Ostade (2000-3000 €) oder Jan Molenaer (3000-4000 €).

Balthasar van den Bossche (1681-1715) gewährt Einblick in die Arbeit eines Harnbeschauers (5000-8000 €), wobei dieser - wie der Globus, Bücher und ein Diplom als Insignien des Gelehrtentums belegen - eine entsprechende Ausbildung gehabt haben dürfte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.9.2004)

Von
Olga Kronsteiner
  • Akademische Ausbildung kontra Quacksalber: Über 
mangelnde 
Geschäfte konnten sich Bader, wie hier von Gerard Thomas (1623-1720) in Szene gesetzt, nicht beklagen.
    foto: dorotheum

    Akademische Ausbildung kontra Quacksalber: Über mangelnde Geschäfte konnten sich Bader, wie hier von Gerard Thomas (1623-1720) in Szene gesetzt, nicht beklagen.

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