Von Herumstehern

27. September 2004, 20:27
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Die Innsbrucker Galerie Klaus und Elisabeth Thoman zeigt Skulpturen und Zeichnungen von Walter Pichler

Die fünfzig Exponate bilden eine museale Retrospektive internationalen Anspruchs.


Innsbruck - ... und dann gibt es Ausstellungen, die betritt man, und hat keine Fragen. Die sind einfach da. Ganz so, als wären sie keine Ausstellungen, sondern immer schon da gewesen. Mit zu dieser seltenen Qualität gehört, dass diese Ausstellungen einem auch keine Antworten auf nie gestellt Fragen aufdrängen.

Und folglich bleibt es einem auch ganz selbst überlassen, für zehn Minuten oder ein paar Stunden, dort zu bleiben. Der Ausstellung ist das egal. Und Walter Pichler, dem Aussteller, wahrscheinlich auch. Er hat seinen Job gemacht. Hat eine Auswahl aus dem getroffen, was ihn genug berührt hat, um daraus eine Zeichnung oder eine Skulptur zu machen. Was nicht weniger heißt, als dem persönlichen Betroffen-Sein eine allgemein betreffende Qualität abzugewinnen, eine Rückenansicht, einen Mann und Kind, einen Mann und Frau, einen Fingerzeig, oder, wenn der nicht hilft, eine dringliche Aufforderung: Hinaus!.

Walter Pichler Ausstellungen sind außer selten vor alle anderen zunächst eines: einleuchtend. Da hängen Zeichnungen so präzise in Gruppen zusammen gefasst, dass außer deren offensichtlicher Zusammengehörigkeit kein anderes Selektionskriterium mehr in Frage kommt. Da sind drei Stäbe so installiert, als wären sie am und für den Ort geschaffen, da sitzt ein Kleiner Rumpf am einzig möglichen Ort, um alles im Auge zu behalten. Und dann erschrickt man, weil man sich im Spiegel auf einer der Schädeldecken plötzlich selbst erblickt.

Nicht dass man stören würde, aber beteiligt ist man auch nicht. Weit eher schon ein Herumsteher. Einer von denen, die Walter Pichler immer wieder fest hält, die in die Werkstatt schauen, die feststellen: Drinnen arbeitet Einer oder wuzelt sich die Zehen, oder: egal. Weil: der Herumsteher könnte ebenso gut der Walter Pichler selbst sein, das Zehenwuzeln könnte unmittelbar zu einer Idee, betreffend der Umsetzung des kleinen und großen Wagens führen, vom roten Regen sind letztlich alle betroffen, die Blut am kreisen haben, und wer sein Gemächt entblößt muss damit rechnen, dass eben auch dorthin die Wespen schwärmen. Ohne dass das jetzt wieder irgendetwas Besonderes zu bedeuten hätte.

Und warum eigentlich empfinden wir gerade den Tod eines Basketballers absurd genug, unmittelbar an die eigene Hinfälligkeit zu denken? Und die Anna in der Werkstatt sind sowieso wir alle. Und warum erscheint das alles so lapidar. Was macht der Walter Pichler, dass uns seine Zeichnungen und Skulpturen so ganz ohne Aufregung, in aller Gelassenheit voll treffen? Er würde vielleicht sagen, dass er zunächst einen Plan hatte, und viele Versuche den auch umzusetzen später, er mit ziemlicher Sicherheit annehmen konnte, dass der Plan in der Tat auch funktionieren würde. Und dass, wie alles fertig war, es sich herausgestellt hat, dass es eigentlich ziemlich verständlich und nachvollziehbar ist. Und dafür darf es einfach keine Rolle spielen, wie lange so ein Prozess dauert. Und, würde Walter Pichler noch anführen, "die Umstände waren glücklich".

Das waren sie offensichtlich auch in der Innsbrucker Galerie Klaus und Elisabeth Thoman, Anders ist es kaum zu erklären, dass dort gerade eine Retrospektive (Bei Walter Pichler muss man sich darunter vorstellen, dass sich Arbeiten, die Jahrzehnte auseinander liegen, kaum von einander unterscheiden - geht es doch um einen Qualitätsbegriff, der nicht am Moment haftet) stattfindet, die jedem Museum zur Ehre gereichen würde. Er nimmt sich einfach die Zeit, keine Geheimniskrämerei zu betreiben, der arbeitet daran, die Dinge offen zu legen. Bloß der Verdacht, in einer Zeichnung wie Drinnen arbeitet Einer, läge ein Geheimnis verborgen, würde sie peinlich erscheinen lassen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.9.2004)

Von
Markus Mittringer
  • Walter Pichler zeigt in der Innsbrucker Galerie Klaus und Elisabeth Thoman eine Retrospektive am Punkt.
    foto: galerie thoman

    Walter Pichler zeigt in der Innsbrucker Galerie Klaus und Elisabeth Thoman eine Retrospektive am Punkt.

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