Ölkonzern spielt chinesische Karte aus

29. September 2004, 12:57
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Der angeschlagene russische Öl-Multi sucht die Unterstützung ausländischer Regierungen

Der Ölkonzern Yukos hat angekündigt, Ölexporte nach China ab nächster Woche zumindest bis Ende des Jahres um zwei Drittel zu reduzieren, weil die Exportfinanzierung nicht mehr gesichert seien. Erst wenn die russischen Behörden die eingefrorenen Konten auftauten, könne man wieder problemlos liefern, sagten die Manager.

Zwar begründete der Konzern gegenüber dem Wirtschaftsblatt Vedomosti den Schritt auch wirtschaftlich, da man von zwei Exportrouten nach China nun nur mehr die billigere wahrnehmen könne. Experten sehen im Ganzen jedoch einen Erpressungsversuch.

Vertragstreue

Der Hintergrund: Derzeit weilt Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao in Moskau. Yukos bringt mit dem Lieferstopp die russische Regierung in Gefahr, ihren Ruf als vertragstreuer Lieferant von Rohstoffen zu verlieren.

Gerade der weltweit zweitgrößte Ölverbraucher China, der neben kasachischem besonders auf russisches Öl schielt, wäre empfindlich getroffen. Im Vorjahr ist der Ölimport aus Russland laut offiziellen chinesischen Angaben um über 70 Prozent gestiegen, die vorjährigen 3,5 Mio. Tonnen Öllieferungen per Zug nach China sollten außerdem bis 2006 auf 15 Mio. Tonnen erhöht werden. Die russische Eisenbahn investiert 1,1 Mrd. Euro in den Ausbau der Infrastruktur.

Rechnung ohne den Wirt

Sollte Yukos mit seinen Chinalieferungen tatsächlich taktieren, dürfte es die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. China ließ anklingen, dass es fortan Öl nur mehr von solchen Unternehmen beziehen will, die dem russischen Staat gehören oder zumindest dessen klare Unterstützung haben. Es bestehen freilich Zweifel, ob angesichts der Yukos-Ausfälle andere Ölkonzerne momentan freie Kapazitäten für China aufbringen könnten.

Wie auch immer, letztlich wird dieser Schritt Yukos kaum retten können. Der Bankrott und der Verlust der wichtigsten Fördertöchter rückt näher. Etwa zwei der 2,9 Milliarden Euro nachgeforderten Steuerschulden für 2000 wurden beglichen.

Ähnlich hohe Forderungen jedoch stehen für die Jahre 2001 bis 2003 ins Haus. Der Vorsitzende des Yukos-Direktoriums, Viktor Geraschenko, hat immer wieder auch die eigene Seite zu einem Kompromiss aufgefordert. (DER STANDARD Printausgabe, 23.09.2004)

Eduard Steiner aus Moskau
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