Interrail – der Zug ist noch nicht abgefahren

15. Dezember 2004, 18:28
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Es geschieht immer anders, als man sich’s vorstellt. Ein Bericht von den schönsten Seiten des Sommers

Freitag – 6. Stunde – Physik. Dieser Gedanke lässt Schülerherzen gerade zu Schulbeginn nicht unbedingt höher schlagen. Man ist noch viel zu beschäftigt an „bessere Zeiten“ in den Ferien zurückzudenken. Ob nun faul sein auf Mallorca oder Ruinen besichtigen in Griechenland – alles scheint spannender zu sein als die Relativitätstheorie und Co.

Clemens (17) ist zwar dem Physikunterricht sehr zugetan (so etwas gibt’s?), sehnt sich aber trotzdem nach den Ferien zurück. Zwar war er weder auf Mallorca noch in Griechenland hatte aber trotzdem oder gerade deswegen sehr einprägsame und interessante Ferien.

Wie viele andere Jugendliche und Erwachsene auch, war er mit einer kleinen Gruppe seiner Freunde 3 Wochen quer durch Europa per Interrail unterwegs. Wer schon jetzt sehnsüchtig an die nächsten Sommerferien denkt, sollte die Möglichkeit mit dem Zug durch Europa zu reisen ernsthaft in Betrachtung ziehen.

Im Preisvergleich zu den zur Zeit sehr populären Billigflügen kann Interrail zwar nicht standhalten, ist aber trotzdem „eine echte Alternative“, wie Clemens sagt. Denn was Interrail besonders attraktiv macht ist, dass man nach Lust und Laune fahren kann wohin man will. „Falls es einem in einer Stadt nicht gefällt, setzt man sich eben in den nächsten Zug“. Klingt wie ein echtes Abenteuer, kann aber auch sehr geplant und sicher sein, meint Jan (17). Wenn man genug Geld für die Reise hat, ist es kein Problem in Jugendherbergen Platz zu finden und man kann notfalls auch auf teurere Quartiere ausweichen.

Legt man es aber auf ein richtiges Erlebnis an, gehört außer Mut und Flexibilität auch noch Überredungskunst dazu. Denn am ersten „Hindernis“, den Eltern kommt man nur schwer vorbei. Hat man diese Hürde aber genommen (hier eigenen sich Argumente wie: „bessere Englischkenntnisse“ oder „multikultureller Urlaub“) geht’s ans Planen. „Die ersten paar Tage haben wir sehr genau geplant“, sagt Clemens, „man kann ja alle Zugverbindungen und Jugendherbergen im Internet nachschauen“. Nachdem man Eltern und sein Gewissen beruhigt hat kann man auch schon zum Bahnhof um Tickets zu besorgen.

Es ist möglich bis zu zwei Zonen (Zone A beinhaltet z.B.: Irland und Großbritannien, Zone B Finnland, Norwegen und Schweden usw.) zu erwerben. Man kann auch einzelne Zonen extra dazukaufen oder alle Zonen zusammen kaufen. Clemens meint, dass es besser wäre nur durch wenige Zonen zu reisen. So kann man sich mehr anschauen und muss nicht immer umherhetzen. Mit 200 Euro in der Tasche, die für 3 Wochen reichen sollten, war Flexibilität für Clemens und die anderen Interrailer ein absolutes Muss. Obwohl er und seine Freunde noch zusätzlich Geld abheben konnten, war von Luxus noch lange keine Rede. Den „üblichen -Touristen-Blödsinn“ muss man sich wohl oder übel sparen und sollte offen für Ratschläge der Ortsansässigen oder anderer Reisender sein. Bei Reiseführern wäre der „Lonely Planet“ zu empfehlen.

Häufig begegnen einem Gleichgesinnte und man kommt schnell ins Gespräch (hier bewahrheitet sich das Gerücht von den besseren Englischkenntnissen). Natürlich hat  Interrail, so wie alles, nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile: Heiße Zugabteile, das Verpassen von Anschlusszügen, Verspätungen, manchmal muss man bei Zügen etwas draufzahlen. Man muss natürlich alles selbst organisieren und das Schleppen von schweren Rucksäcken tut oft zur schlechten Laune sein übriges. „Man stinkt…hat Hunger…und will ein gescheites Bett, außerdem ist nicht alles so billig wie es zuerst scheint. Man muss für jede Kleinigkeit zahlen und das summiert sich im Endeffekt.“ - Eine sehr ehrliche Aussage von Georg (17).

Sowohl Kultururlaub, als auch entspannen am Strand sind innerhalb von wenigen Tagen möglich. „Es passiert in kurzer Zeit so unglaublich viel, dass man noch enorm lange davon zehren kann wenn man wieder nach Hause kommt“, sagt Clemens.

Wenn man allerdings einen Urlaub ohne Stress und Unsicherheiten vorzieht, sollte man Interrail nicht in Erwägung ziehen. „Es geschieht immer etwas, was man sich im Vorhinein anders vorgestellt hat“, sagt Clemens. Alles ist relativ.

Von Amira Ben Saoud (15)
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