Todbringende Friedenstäubchen

26. Dezember 2004, 22:23
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Kammerspiele: "Arsen und alte Spitzen"

Wien - Der Willkommenstrunk im Hause Brewster ist zugleich der Abschiedstrunk, und zwar für immer. Das Rezept für seine tödliche Dosis rattert seine Brauerin Erni Mangold als Martha Brewster wie jenes für den letzten Geburtstagskuchen auswendig runter: "Eine Prise Zyankali, etwas Arsen und zwei Löffelchen Strychnin auf ein Fläschchen Holunderwein."

Gemeinsam mit Elfriede Ott verleiht sie in Joseph Kesselrings schwarzer Komödie Arsen und alte Spitzen in den Kammerspielen der Josefstadt derzeit dem mordenden Schwesternpaar die ganze Wahrhaftigkeit: Augen blitzen (nicht bluttrunken, sondern brav heilbringend), und Beine sputen sich (nicht auf der Flucht, sondern geschäftig im Bestattungsfieber). Es ist klar: In diesen Killerbienen wohnt die Barmherzigkeit.

Gar nicht auszudenken, wie der Autor sein erfolgreichstes Stück nicht als Komödie schrieb, sondern es 1939 als moralisches Pamphlet gegen den Nationalsozialismus verstanden wissen wollte. Im gespenstischen Schwesternhaushalt denkt man nicht ein einziges Mal an "Euthanasie".

Hier herrscht ganz allein der gutmütige Grusel, den das kleinbombastisch drapierte Bühnenbild von Elisabeth Binder-Neururer in Kombination mit dem öligen Licht (Gerhard Breitengraser) wie einen Duft verströmt. Und den Blick - als wäre es ein Renaissancegemälde - durch ein großes Fenster hinaus in den Garten lenkt (der wie der eigene Keller ein Friedhof ist).

Panama ist im Keller

Wen die höflich-bestimmte Abby (Elfriede Ott) in Nachthemd oder gleich im Trauerflor an der Tür begrüßt hat, dem setzt sie noch im Stehen rücklings den Zentimeterstab an, um vorsorglich Maß für den Sarg zu nehmen. Sogleich fährt in dieser Inszenierung Beverly Blankenships, von Geisterhand bewegt, der Holunderwein aus der Wand. Im Kellergeschoß hebt derweilen der geistesgestörte Neffe (Christian Pogats) die Gräber aus, im Glauben, es handle sich um den verdienstvollen Aushub des Panamakanals.

Fritz Egger als vernunftbegabter, heiratsfähiger, guter Neffe Mortimer ist zweieinhalb Stunden lang zur Schadensbegrenzung auf Tour. Eine unterhaltsame Facette im Genre Familienalbtraum. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 9. 2004)

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