Bush und Kerry im Clinch über den Irak-Krieg

24. September 2004, 19:05
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Kerry: USA seit Sturz Saddams keineswegs sicherer - Bush meint, Kerry drehe seine Fahne wieder einmal nach dem Wind

US-Präsident George W. Bush hat rasch auf neue, unerwartet scharfe Vorwürfe seines demokratischen Kontrahenten John Kerry reagiert, der am Montag in einer Rede gemeint hatte, Bush habe im Irakkrieg "an jeder Straßenkreuzung die falsche Richtung eingeschlagen und katastrophale Entscheidungen getroffen".

Nach altem Muster hänge Kerry wieder sein Fähnchen nach dem Wind, entgegnete Bush. Kerrys Ziel, die ersten US-Truppen im Sommer 2005 und den Rest innerhalb der nächsten vier Jahre abzuziehen, sende "diffuse Signale" an die US-Soldaten, den Feind und die restliche Welt.

43 Tage vor der Präsidentenwahl hatte der demokratische Kandidat, sehr zur Erleichterung des Parteiestablishments, am Montag die Samthandschuhe endgültig abgelegt. In einer Rede an der New York University donnerte er: "George Bush hat keine Strategie für den Irak. Ich habe eine, ich hatte sie schon die ganze Zeit." Kerry kam auch der zu erwartenden Replik seines Widersachers zuvor, er ändere täglich seine Meinung zum Irakkrieg. Bush selbst habe allein zwischen September 2001 und Oktober 2002 insgesamt 23 verschiedene Erklärungen für einen Einmarsch im Irak angeboten.

Bushs jüngste Rechtfertigung, Saddam Hussein habe die "Möglichkeit" gehabt, Massenvernichtungswaffen herzustellen, bezeichnete er als Ausrede. 35 andere Länder hätten mehr Möglichkeiten als der Irak, eine Atombombe zu bauen. "Will Präsident Bush sagen, dass wir dort auch einmarschieren sollen?" Der Krieg im Irak habe Amerika keineswegs sicherer gemacht, im Gegenteil, seit dem Sturz von Saddam sei das Land zur Brutstätte für Terroristen geworden.

Am Montag räumte der TV-Sender CBS schwere Fehler bei der Berichterstattung über den umstrittenen Dienst von George W. Bush bei der Nationalgarde während des Vietnamkrieges ein: CBS sei von einem Informanten mit gefälschten Dokumenten, die nachweisen sollten, dass Bush sich um den Dienst drückte, getäuscht worden.

Um die Dokumente kocht die Gerüchteküche seit längerem: Da heißt es etwa, dass Starjournalist Dan Rather, vielen Konservativen schon seit der Nixon-Ära ein liberaler Dorn im Auge, Scheuklappen aufgesetzt habe, weil er seiner Begierde, Bush zu desavouieren, freien Lauf ließ. Andere behaupten, dass das Weiße Haus und der Politstratege Karl Rove CBS die gefälschten Dokumente zugespielt hätten, um die Demokraten öffentlich zu blamieren.

In seiner Rede vor der UNO-Generalversammlung versuchte Bush indes am Dienstag, die anderen Staaten davon zu überzeugen, dass sich der Irak auf dem Weg zur Demokratie befinde. Zudem zeichnete er ein hoffnungsvolles Szenario für Afghanistan und hob die Verdienste der USA im globalen Kampf gegen Aids, Hunger, Analphabetentum und Armut hervor.

Die Enthauptung einer US-Geisel im Irak am Montag verstärkte unterdessen die Sorge um einen weiteren Amerikaner und einen Briten in der Gewalt derselben Terrorgruppe. Denn die Gruppe des Terroristen Al-Zarqawi bekräftigte ihre Forderung nach Freilassung von Frauen aus Gefängnissen der Besatzungsmächte. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2004)

Susi Schneider aus New York
  • John Kerry mit Gattin Teresa (links) und Schauspielerin Uma Thurman (rechts) auf einer Wohltätigveitsveranstaltung in New York.

    John Kerry mit Gattin Teresa (links) und Schauspielerin Uma Thurman (rechts) auf einer Wohltätigveitsveranstaltung in New York.

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