Hungrig wie ein Wolf im Schritt

26. September 2004, 20:15
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Duran Duran, die britischen Hochglanzpopper aus den 80er Jahren, tun wieder so, als ob nichts gewesen wäre

Wien - Nicht nur, dass laut dem deutschen Dichter Jean Paul jede pathetische Anspannung gleich anschließend einer notgedrungenen humoristischen Abspannung bedarf - was uns zu Karl Marx und der Wiedergeburt der historischen Tragödie in der zeitgemäßen Farce führt. Laut Samuel Beckett gilt in unserem heutigen Zusammenhang immer auch Folgendes: "Man hat so lange das Schlimmste vor sich, bis es einen zum Lachen bringt."

Duran Duran, damit wir es zügig hinter uns bringen, haben nach 18 Jahren jetzt wieder in alter Erfolgsbesetzung zueinander gefunden. Die britische Band um Sänger Simon Le Bon veröffentlicht Anfang Oktober ihr neues Album Astronaut. Und die einstigen Kaiser der toupierten Frisuren bei gleichzeitig erhöhtem Seidenblouson- wie Kokain- und Supermodel-Aufkommen aus den frühen 80er-Jahren haben für diese Rückkehr keine Kosten und Mühseligkeiten gescheut, um heute 40-jährige Aerobic-Veteraninnen mit diesem Gewaltakt wieder in ihren Bann zu ziehen.

Erinnern wir uns kurz: Duran Duran fingen ungefähr zu jener Zeit an, ihr schrecklich gemeschtes Haupt zu erheben, als damals 1981 die New Wave nach Punk und Postpunk wegen akuter Verkleiderbauerisierung endgültig auf den Hund gekommen war und es im britischen Pop so schlimm wie nie zuvor darum ging, mit Kreditkarten nicht Geld abzuheben, sondern weißes Pulver auf Linie zu bringen.

Von den der Stimme und den synthetischen Drums viel Raum gebenden Halleffekten und den alles im Konsens eines Austropop-Synthesizers auf Metaebene vermantschenden Hits von Duran Duran sei einmal abgesehen. Bei Songs wie Rio oder Hungry Like The Wolf oder Girls On Film oder Wild Boys ging es laut den heute freimütig bekennenden Musikern immer auch mehr als um die Musik darum, in möglichst exklusiven, weil fern vom tristen heimatlichen Birmingham gelegenen Weltgegenden während Videodrehs angesagte Supermodels zu sich zu nehmen.

Ziel war auch, regelmäßig Millionen-Etats für Medienpräsenz und Drogenkuriere, nun ja, zu verpulvern, weil ohne die parallel nach oben zeigende Entwicklung von MTV Duran Duran niemals in diesem globalen Ausmaß denkbar gewesen wären.

Videos von Duran Duran, weitaus mehr als ihre im Vergleich harmloser Effekthascherei und weniger dem Song verpflichteten Alben und Singles, bieten aus heutiger Sicht nur wenig Anlass, an das Gute im Menschen zu glauben - so der Mensch nicht Yacht fährt und mit Gianni Versace Schampus kippt.

Warum im Rahmen des derzeitigen 80er-Jahre-Revivals ausgerechnet diese Darsteller einer drittklassigen Schauspielergruppe wiederentdeckt werden, die das letzte Jahrzehnt damit verbrachten, in asiatischen Ländern und auf britischen Neue-Welle-Kirtagen wie als Stargäste bei in der US-Provinz abgehaltenen Wickie, Slime & Paiper-Conventions in wechselnden Besetzungen den affektierten Affen mit Seidenhemd zu machen, kann nur mit einem Grund erklärt werden: Es ist das Geld.

Stimmverlust

Dennoch wird das neue Album Astronaut derzeit mit erheblichem Marketingaufwand in Stellung gebracht. Die aus ihren britischen Landhäusern zusammengekarrten Musiker - neben dem nach wie vor weit gehend ohne erkennbares persönliches Engagement pathetisch knödelnden Bariton Simon Le Bon und Keyboarder Nick Rhodes stehen hier auch noch die drei nicht verwandten Taylors, Andy, Roger und John -, sie geben sich bei einer nicht etwa in London, sondern mindestens in Hongkong einberaumten Pressekonferenz zwangsoptimistisch.

Weltrückeroberung mittels Schwerpunktmarketing im alten Gewand als neuem Designerfetzen. Karl Lagerfeld auf H & M. Versace auf Silikon. Die zwölf neuen Songs klingen wie die alten. DJ-Veteranen von Ö3 dürfen sich freuen: Format nach Maß! Ach ja, Simon Le Bon hat seine Stimme verloren. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 9. 2004)

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