"Kuai gan", wie man in Schanghai sagt

7. Oktober 2004, 16:34
1 Posting

Das Projekt in Schanghai verschlang 500 Millionen Euro und ist wirtschaft­lich nicht kalkulierbar

Die Frauenstimme singt hoch. Der Männerchor brummt begleitend. "Chaoyue wo - chaoyue ni" ("Überholst du mich - überhol' ich dich") trällert Song Meina in Schanghai, wo alles rascher, größer und aufregender als woanders sein muss. Superlative machen Schlagzeilen, vom Transrapid bis zum Hyatt, das sich als höchstes Hotel der Welt im 88-stöckigen Jin-Mao-Tower einquartiert hat. Natürlich ist auch der neue Formel-1-Parcours zur aufwändigsten aller F1-Rennbahnen geraten. Grund genug für Schanghai, eine eigene Hymne zu komponieren. Ein musikalischer Beamter aus dem Vorort Jiading, wo nach Plänen des deutschen Architekten Hermann Tilke mit bis zu 8000 Arbeitern die Strecke in 18 Monaten aus dem Boden gestampft wurde, erfand den Song. Er ist Teil der Werbeoffensive mit eigenen Cafés und Souvenirläden.

Das Staatsfernsehen CCTV sendet seit Anfang 2004 die großen Formel-1-Rennen live. 200.000 Besucher sollen am Sonntag die gigantischen Tribünen füllen. Die fast ausverkauften Tickets kosten von 370 Yuan (37 Euro) für die Tageskarte, bis zu 3700 Yuan für alle drei Tage. China, erst seit fünf Jahren ein Land der Autofahrer, hat sich in den bislang unbekannten Motorsport schneller hineingestürzt als jedes andere Land. Das lateinische F ist zum dritten Buchstaben geworden, der in die chinesische Umgangssprache nach "O.K." Eingang fand. Mit "Kuai gan" (schnelles Gefühl) umschreibt die Boulevardpresse die Formel 1. Der Vergleich ist doppelsinnig. Die Stadtbevölkerung sagt "Kuai gan" auch zum Orgasmus.

Fass ohne Boden?

Vielen ist der Boom nicht geheuer. Das Projekt, das Schanghai internationales Prestige einbringt, gilt wirtschaftlich als nicht kalkulierbar. "Kommt die Formel 1 für uns nicht als Frühgeburt? Wird es ein Fass ohne Boden?", fragte bang die Jugendzeitung. Die Gesamtkosten, für die großteils die Stadt Schanghai aufkommt, werden auf 500 Millionen Euro geschätzt, darunter 260 Millionen Euro an reinen Baukosten.

Doch das geschäftstüchtige Schanghai kann das Ereignis nicht in gewohnter Weise für sich vermarkten. Es hat seinen Meister in Bernie Ecclestone gefunden. Er und kein anderer beherrscht den Zirkus. Nur beim Tabak setzten sich die Schanghaier durch. Sie durften die Zigarettenwerbung von den Tribünen verbannen. Chinas Petroleumkonzern Sinopec sprang für die Verluste ein. Ecclestones Imperium aber bestand darauf, dass die Werbung auf den Wagen, den Trikots und den Boxen bleibt.

Bei der Strecke gibt's bauliche Überraschungen wie einen künstlichen See mit asiatischen Pavillons. Dort ruhen sich die Rennteams in Teehäusern aus. Von den bunten Tribünen über der Startbahn haben 30.000 Gäste perfekte Sicht. Extravagante Restaurants sind in schwindelnder Höhe eingerichtet. Verblüffender ist, was man nicht sieht. "Alles war sumpfig. 17 Bäche flossen hier durch", beschreibt einer der Architekten die einstige Schwemmlandschaft. Zuerst mussten 40.000 bis zu 80 Meter tiefe Pfeiler in den Boden gerammt werden. Danach wurde in meterhohen Schichten Styropor in den Untergrund gepresst, bevor asphaltiert werden konnte.

"Willkommen in Schanghai und im schönen Jiading zum großen Rennen", singt Fräulein Song, "Überhol mich - überhol mich doch." (Johnny Erling aus Schanghai - DER STANDARD PRINTAUSGABE 22.9. 2004)

  • Ein letztes Mal wird sauber gemacht.

    Ein letztes Mal wird sauber gemacht.

Share if you care.