Explosion war geplant

29. September 2004, 22:43
13 Postings

Polizei hegt Mordverdacht gegen Arbeitgeber des Opfers

Wien - Die angeblich freiwillige Waffenübergabe von ehemaligen Balkankämpfern entwickelte sich zum mysteriösen Mordfall. Wie das Innenministerium am Dienstag bekannt gab, dürfte die Detonation einer Handgranate, bei der Montagvormittag in Wien eine 39-jährige Frau aus Purkersdorf (NÖ) ums Leben gekommen war, kein Unfall gewesen sein, sondern ein gezieltes Tötungsdelikt. Ein 38-jähriger Bekannter des Opfers, ebenfalls aus dem Wiener Umland, ist in Haft.

Ungewöhnliches Testament

Bei dem am Montagabend festgenommenen Verdächtigen handelt es sich um den bisherigen Arbeitgeber der Frau. Dementsprechende Medienberichte bestätigte Oberstleutnant Rudolf Gollia, Sprecher des Innenministeriums. Der 38-Jährige sei auch, so Gollia, jener Informant gewesen, der dem "News"-Reporter den Tipp gegeben habe. Ferner bestätigte er, dass das Mordopfer ein ungewöhnliches Testament in Form einer Lebensversicherung in Höhe von rund 300.000 Euro hinterlassen habe. Die Frau hatte nämlich ihren Chef und seine Frau begünstigt. Ob es irgendein Abhängigkeitsverhältnis gegeben habe, werde derzeit ermittelt, so der Sprecher des Innenministeriums.

Widersprüchliche Angaben

Laut Gollia liefen die Einvernahmen des 38-Jährigen sehr schleppend. Laut Sprecher des Innenministeriums, rede der Verdächtige viel, mache aber widersprüchliche Angaben. "Die Einvernahmen sind sehr mühsam", sagte Gollia. Der Verdächtige wird mittlerweile von einem Wiener Rechtsanwalt vertreten. Theorien wie jene in der ORF-Sendung "Thema" vom Dienstagabend, wonach der 38-Jährige die Waffenübergabe und die Geschichte, dass ehemalige serbische Bosnien-Kämpfer das Kriegsgerät loswerden wollen, nur inszeniert und für seinen Mordplan genutzt habe, verwies der Ministeriums-Sprecher ins Land der Spekulation. Es könne aber auch sein, dass diese Theorie auf Grund der Ermittlungen in zwei Tagen genau die richtige sei.

Hilfstransporte

Wie DER STANDARD berichtete, hatte es schon am Montag mehrere Festnahmen zum Zweck der Einvernahme im Bekanntenkreis des Opfers gegeben. Dabei stieß die Polizei auf den 38-Jährigen, der angab, während des Balkankrieges private Hilfstransporte nach Bosnien durchgeführt zu haben. Später soll er als Kreditvermittler für Personen aus Exjugoslawien fungiert haben. Die Kriminalisten vermuten nicht nur, dass er hinter der mysteriösen Waffenübergabe steckt, er könnte im Rahmen der Hilfstransporte Kriegsmaterial nach Österreich geschmuggelt haben. Der 38-jährige Mann wird auch für die Ermordung der Frau verantwortlich gemacht. Ein Motiv wurde nicht bekannt gegeben, es soll sich aber um eine "Geldangelegenheit" gehandelt haben.

Mutter eines Kleinkindes

Zunächst war man davon ausgegangen, dass die Frau nur die Waffen auf dem Parkplatz der Höhenstraße in Wien-Hernals aus ihrem Auto ausladen sollte und dabei unglücklicherweise eine Handgranate detoniert sei. Doch nun ist die Polizei sicher, dass die Mutter eines Kleinkindes Opfer eines Mordes geworden ist. Entweder war die Handgranate so präpariert, dass sie kurz nach dem Ausladen detonieren musste oder der Sprengsatz wurde unmittelbar am Tatort von einer Person aktiviert. Kurz vor der Detonation hatten Zeugen einen Mann bei der Frau gesehen.

Territorialverteidigung

Wie berichtet, spielte in der Übergabeaktion ein Journalist von News die Vermittlerrolle zwischen Polizei und den angeblichen Balkankämpfern. Der Reporter war nach eigenen Angaben bereits vor Wochen von einem anonymen Anrufer auf ein Waffendepot im Wienerwald hingewiesen worden. Der Informant habe dies als einzige Möglichkeit bezeichnet, die Waffen loszuwerden, ohne belangt zu werden. Die am 10. September nahe der Westautobahn bei Purkersdorf und am Montag bei der Höhenstraße sichergestellten Waffen könnten ursprünglich zu ein und demselben Zug der serbischen Territorialverteidigung im Balkankrieg gehört haben. Die Gesamtzahl der Schusswaffen entspricht einem damals 25 Mann starken Zug.

Kriegsmaterialgesetz

Anzeigen nach dem Kriegsmaterialgesetz (KMG) haben im Vorjahr, verglichen mit 2002, zugenommen - von zehn auf 18. Laut Staatsschutzbericht ist Österreich sowohl Transit- als auch Zielland für den illegalen Waffenhandel. Als bewilligungspflichtiges Kriegsmaterial gelten unter anderem Maschinengewehre und MPs, auch deren Munition, Granaten, Raketen und Abschussrohre, Mörser, Minen, Nebel- und Flammenwerfer, Geräte zur optoelektronischen Zielerfassung sowie jegliche militärische Fahrzeuge. (simo/DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2004/APA/red)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Aus dem Schatten der mysteriösen Übergabeaktion von Waffen aus dem Balkankrieg hat sich ein Mordfall entwickelt. Hinter beidem soll ein 38-jähriger Österreicher stecken, der früher Hilfstransporte nach Bosnien organisiert hat.

Share if you care.