Kerry fährt die Faust aus

30. September 2004, 20:42
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Der Demokrat gibt sich endlich wirklich kämpferisch - die Frage ist nur, wie lange - von Christoph Winder

Unter den etwa zwei Dutzend demokratischen Basiswapplern, mit denen der Autor dieser Zeilen in den vergangenen Wochen in den USA sprechen konnte, hat es exakt einen gegeben, der den Kandidaten John Kerry ohne Wenn und Aber, ohne einschränkenden Vor- oder Nachsatz gelobt hat. Kerry sei ein "wirklich anständiger Politiker", sagte der Mann im Wortlaut.

In einem Wahlkampf, wo die Gegenseite mit allen erdenklichen Utensilien aus den unanständigsten Schubladen kämpft, wäre ein solches Komp^liment an sich zweifelhaft genug. Doch es wurde zudem noch mit allen körpersprachlichen Anzeichen mangelnder Begeisterung vorgebracht - nur eines von unzähligen Indizien dafür, dass es zwischen der demokratischen Basis und ihrem Spitzenmann schwere Kontaktprobleme gibt.

Nein, John Kerry ist wahrlich kein politischer Glücksgriff wie Bill Clinton, unter dessen warmen Streicheleinheiten und schmachtenden Blicken die Wählermassen 1992 zerflossen wie Butter in der Sonne. Eher schon ist es so, dass die Demokraten ihren Wahlkampf mit einem Mann bestreiten müssen, der den US-Bürgern mit seinen kons^tanten Meinungswechseln ein ständiges Persönlichkeitsrätsel aufgibt. Die unablässig wiederholten Vorwürfe der Republikaner, Kerry sei eine wankelmütige Figur, ein "Flip-Flopper", sind zwar gehässig zugespitzt. Sie haben aber einen wahren Kern.

Über die psychologischen Ursachen, warum Kerry so ist, wie er ist und so wahlkämpft, wie er wahlkämpft, nämlich unstet, mit langen Lethargiephasen und wenigen Höhepunkten, darüber ließe sich trefflich spekulieren. Vielleicht ist es einfach Kerrys Naturell. Vielleicht war das Trauma, das er sich als junger Mann in Vietnam geholt hat, schwerer, als bekannt wurde.

Vielleicht zieht er es aus irgendwelchen tief sitzenden Ängsten vor, ausweichend zu agieren und sich immer Optionen frei zu halten, anstatt pfeilartig auf sein Ziel zuzuschießen. Das alles ist ein reiches Betätigungsfeld für Hobby- und Profipsychologen, und ob man dabei je auf einen grünen Zweig kommen wird, bleibe dahingestellt. Auch bei George W. Bush ist ja bis heute nicht abschließend geklärt, ob er nun wirklich der Simpel ist, als der er nach außen hin erscheint, oder ob (die weniger wahrscheinliche Variante) in Wahrheit ein ziemlich kluges Schlitzohr in ihm steckt und er nur deshalb den Simpel gibt, weil er weiß, dass es unter den Wählern eben mehr einfache Leute gibt als intellektuell gut ausgestattete Neokonservative.

Nach einer verheerenden Phase im August, als sich Kerry quälend lange von einer im Dunstkreis des Präsidenten agierenden Veteranengruppe mit Latrinengerüchten vollkübeln ließ, ohne ein Wort zu entgegnen, scheint er nun endlich die Eisenfaust ausgefahren zu haben. Die Vorwürfe, Bush habe im Irakkrieg falsch gemacht, was nur falsch zu machen war, und die Sicherheit der Amerikaner verringert und nicht verbessert, waren jedenfalls in dieser Schärfe noch nie zu hören. Wahrscheinlich sind derlei Frontalangriffe trotz der Gefahren, die eine negativ gepolte Kampagne mit sich bringt, tatsächlich die letzte Chance, den latenten Pro-Bush-Trend der letzten Tage und Wochen umzudrehen. Es bleibt die Frage, ob Kerrys Kampfesmut und "message discipline" über die volle Strecke - vor allem bei den enorm wichtigen TV- Duellen - erhalten bleibt, oder ob es wieder lediglich ein Zwischenspurt war, dem - Flip, Flop - eine undisziplinierte Phase nachfolgen wird.

Kerry gilt als Mann, der gut im Finish ist, sodass die Demokraten hier eine gewisse Hoffnung schöpfen können. Aber es bleibt auch noch die Frage, ob die Wähler einem Kandidaten, der oft genug Zögerlichkeit und ein diffuses Charakterbild an den Tag gelegt hat, nun plötzlich abnehmen werden, dass er ein Kämpfer ist, dem sie sich in Zeiten finsterer Bedrohungen getrost anvertrauen können. Die Bush-Leute werden jedenfalls alles dazu tun, um sie in den nächsten Wochen vom Gegenteil zu überzeugen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2004)

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