Österreich setzt bei Erasmus den Rotstift an

16. Dezember 2004, 10:20
111 Postings

Kritik an Kürzung des Auslandsstipendiums von zwölf auf sechs Monate: "Man fährt wieder weg, bevor man angekommen ist"

Wien - Während die EU-Kommission plant, die Ausgaben für internationale Bildungsprogramme ab 2007 zu verdreifachen, setzt Österreich in diesem Bereich den Sparstift an. "Mit neun Prostimmen spricht sich der Beirat für 2005/06 für eine Deckelung der Zuschüsse auf sechs Monate aus", heißt es im Grundsatzbeschluss des nationalen Erasmus-Beirats. Bisher wurde die finanzielle Unterstützung für bis zu zwölf Monate gewährt.

Grund für die Kürzung ist laut Wolfgang Eckel von der Nationalagentur für Sokrates/ Erasmus der stetig zunehmende Wunsch nach einem Auslandsaufenthalt im Studium: "Mit der Deckelung können wir mehr Plätze anbieten." Insgesamt stehen 1360 Studienplätze an 311 europäischen Universitäten für österreichische Studenten zur Verfügung. Letztes Studienjahr haben das Erasmus- Programm 3857 Studenten in Anspruch genommen.

Maria Schmidt-Dengler, Leiterin des Büros für internationale Beziehungen der Uni Wien, bestätigt, dass die Gesamtzahl der Erasmus-Bewerber steigt. Von einer Platzknappheit könne aber noch lange nicht die Rede sein. Laut Eckel ist die Deckelung hingegen notwendig, um jedem Bewerber einen Studienplatz im Mobilitätsprogramm anbieten zu können. "Wenn wir die Beschränkung nicht einführen, werden die monatlichen Unterstützungen für die Studenten außerdem immer geringer ausfallen", betont er.

Argumente, denen Schmidt-Dengler nur bedingt folgen kann: "Es bringt nichts, einfach die Zahl der Erasmus- Studenten zu erhöhen, ohne dabei auf die Qualität des Programms zu achten."

Ihre Befürchtung: Sprachkenntnisse, Studienfortschritt und soziale Integration leiden unter der Einsemesterregelung. Für die Studenten heiße das: "Man fährt wieder weg, bevor man angekommen ist."

Kritische Stimmen kommen auch von den Koordinatoren der Fakultäten und von Studentenvertretungen. "Französische Unis haben ein Jahressystem", klagt Daniel Staudigl von der Fakultätsvertretung Jus. "Wer künftig dorthin will, muss sich das zweite Semester selber finanzieren."

Ursprünglich hätte die neue Regelung schon im Oktober 2004 in Kraft treten sollen, wurde aber von den Koordinatoren der Austauschprogramme und dem Büro für internationale Beziehungen zu Fall gebracht.

Im Herbst steht eine weitere Sitzung des Erasmus-Beirates an, bei der mit massivem Widerstand zu rechnen ist.

  • Die EU-Kommission plant, die Ausgaben für internationale Bildungsprogramme ab 2007 zu verdreifachen, Österreich hingegen setzt in diesem Bereich den Rotstift an.
    montage: derstandard.at

    Die EU-Kommission plant, die Ausgaben für internationale Bildungsprogramme ab 2007 zu verdreifachen, Österreich hingegen setzt in diesem Bereich den Rotstift an.

Share if you care.