Schnuppern statt lernen

30. September 2004, 20:42
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Richtiges Lernen an einer ausländischen Uni wäre nach sechs Monaten nicht mehr drinnen - Von Conrad Seidl

Seit Jahrzehnten kommt keine bildungspolitische Grundsatzrede ohne die Begriffe "Auslandserfahrungen", "Weltoffenheit" und "Mobilität" aus. "Move your Ass" lautet der Titel einer einschlägigen Broschüre der Hochschülerschaft – und der verbale Tritt in den Allerwertesten hat die Studierenden tatsächlich bewegt: Seit Einführung des Erasmus-Programms 1992/93 sind mehr als 30.000 österreichische Studenten an ausländische Unis gegangen, ein Drittel davon nach Großbritannien und Frankreich, aber immerhin auch sechs nach Bulgarien und 18 nach Estland.

Tendenz: Deutlich steigend, zuletzt nahm die Zahl der Teilnehmer an dem Internationalisierungsprogramm mit Raten von über zehn Prozent zu.

Oje, wenn das so weitergeht! Jetzt ist's den Verantwortlichen jedenfalls ein bisschen viel geworden – da wird sicherheitshalber auf die Bremse getreten. Nicht, dass man die Wege zum Studium im Ausland verstopfen möchte, das würde sich trotz knapper Mittel nicht gut machen. Also wird an den anderen Schräubchen gedreht: Verschickt man die jungen Lernwilligen statt ein Jahr nur ein halbes Jahr, dann kann man viel, viel mehr eine Chance geben. Und wenn der Andrang dann immer noch anhält, kann man vielleicht noch kürzere Zeiten vorsehen: Zur Not reichen ja auch ein paar Wochen, vielleicht ein paar Tage, dann kann man alle 200.000 Hörerinnen und Hörer um dasselbe Geld einmal im Ausland schnuppern lassen.

Richtiges Lernen an einer ausländischen Uni wäre dann natürlich nicht mehr drinnen. Ist es, wie Vertreter der ÖH vorbringen, schon mit einer Kürzung auf sechs Monate oftmals nicht. Wenn der Auslandsaufenthalt Sinn machen soll, dann heißt es, in die Tasche greifen. In die der Lernenden; oder vielleicht doch in die des Staates, dem die Bildung mehr wert sein müsste, selbst wenn die Erasmus-Gelder nicht mehr reichen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2004)

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