Irgendwo bebt es immer

27. September 2004, 13:49
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100 Jahre Erdbebendienst - die Hälfte aller registrierter Erschütterungen stammt von Sprengungen

Wien - Wenn beim Österreichischen Erdbebendienst an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) die Zeiger ausschlagen, handelt es sich in rund 50 Prozent der Fälle um Erschütterungen, die von Sprengungen herrühren. "Dabei bebt's irgendwo auf der Erde immer", erklärte Leiter Wolfgang Lenhardt. Der Erdbebendienst wurde vor hundert Jahren vom österreichischen Meteorologen Victor Conrad ins Leben gerufen. Am Donnerstag findet die Jubiläums-Feier in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) statt.

Gibt es ein echtes Beben, das also von Bewegungen in der Erdkruste hervorgerufen wird, so sind die Experten in den meisten Fällen nicht weniger überrascht, als die Bevölkerung. Mit den Vorhersagen ist das nämlich so eine Sache, so Lenhardt. Im Gegensatz etwa zu Meteorologie, wo zur Vorhersage des Wetters etwa Luftbewegungen im Bereich von Stundenkilometern herangezogen werden, laufen die Bewegungen in der Erdkruste um Größenordnungen langsamer ab. Dabei stellt etwa die Bewegung tektonischer Platten in der St. Andreas Verwerfung mit etwa drei bis sieben Zentimeter pro Jahr noch einen Geschwindigkeitsrekord dar. Ein anderes, deutlich langsameres Beispiel ist die Hebung der Alpen mit etwa zwei Millimetern pro Jahr. Entsprechend lassen sich Erdbeben ganz gut in einem Zeitrahmen von 10.000 Jahren vorhersagen.

Wunder-Methoden

Wenig hält Lenhardt auch von diversen, immer wieder von Medien gemeldeten Wunder-Methoden zur Erdbeben-Warnungen. Sie reichen von Messungen bestimmter Metalle in Ozeanen über die Bestimmung von elektromagnetischen Turbulenzen in der Atmosphäre bis hin zur Beobachtung von (Haus-)Tieren. Letztere Methode hat in China angeblich einige Male funktioniert, dann aber nachweislich bei einer Katastrophe völlig versagt. "Die Chance, dass ein Hund vor einem Erdbeben bellt, ist relativ groß, wie viele Hunde nicht gebellt haben, sagt keiner", so der Experte.

Relativ genau funktionieren die Vorhersagen dann, wenn etwa der Mensch - etwa wie im Bergbau - massive Eingriffe setzt. Mit dem Einsatz zahlreicher, feiner Messgeräte lässt sich dann relativ gut vorhersagen, wann etwa ein Hang rutschen wird. Im großen Stil ist eine derartige Beobachtung allerdings nicht möglich.

Sicher bauen wichtiger als Vorhersage

Dabei hält Wolfgang Lenhardt eine punktgenaue Vorhersage für gar nicht so entscheidend. Langfristig nützlicher sei daher die Abschätzung des Risikos und die Umsetzung einer entsprechenden Bauweise. Beispiele zeigen immer wieder: Ein Erdstoß der gleichen Stärke kann zehntausende oder nur einige wenige Tote fordern - je nach Bauart der Häuser.

Die Erforschung der gefährdeten Zonen ist daher auch ein wichtiger Forschungsbereich des Österreichischen Erdbebendienstes. Die Ergebnisse fließen dann in die Normen ein, die Ingenieure in einem bestimmten Gebiet zu erfüllen haben. Dabei ist nicht nur an den klassischen Häuslbauer zu denken. Noch schwerwiegendere Folgen hätte etwa eine falsche Bauweise bei Krankenhäusern, Talsperren oder auch Brücken.

Gebiete mit höherer Wahrscheinlichkeit für Erdbeben sind in Österreich etwa das südliche Wiener Becken oder das Mur- und Mürztal. Auch der Obdacher Sattel und Teile des Lavanttales sowie die Gegend um Eisenkappel sind für vergleichsweise häufige Erdbeben bekannt. In Tirol ist es vor allem das Inntal als Erdbebenzone bekannt.

Sprengkraft abschätzbar

Nachdem Erdbeben nicht an Grenzen Halt machen, interessieren sich die Mitarbeiter des Erdbebendienstes nicht nur für hausgemachte Erschütterungen. Als nationales Zentrum der Atomteststoppbehörde (CTBTO) werden auch Erdstöße registriert und ausgewertet, die beispielsweise von der Zündung einer Atombombe im fernsten Asien stammen könnten. Auf Grund des weltweiten Beobachtungssnetzes lassen sich nicht nur Ort und Tiefe einer derartigen Explosion feststellen, auch die Sprengkraft ist abschätzbar.

Über zwanzig Messstellen in ganz Österreich haben die fünf Mitarbeiter zu betreuen. Davon sind sieben so genannte Breitbandgeräte, die alle möglichen Erschütterungen aufzeichnen. Der Rest besteht etwa aus kurzperiodischen Geräten, die etwa Nachbeben besonders genau messen können. Beim Bebendienst laufen auch die nach Erdstößen mittels Telefon oder Internet gemeldeten Beobachtungshinweise aus der Bevölkerung zusammen. (APA)

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