In der Stille liegt die Kraft

26. September 2004, 20:15
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Leonard Cohen, kanadischer Poet und Songwriter, ist 70 - Der Autor dunkler Klassiker machte sich während der letzten Jahre zunehmend rar ...

... Sein Einfluss bleibt dennoch unumstritten.


Wien - Wenn man davon ausgeht, dass Sonne, Mond und Sterne nichts weiter als Löcher sind, durch die nicht nur Licht in die Welt kommt, sondern auch die Götter misstrauisch ein Auge auf uns werfen, dann wird auch eine teilnehmende Beobachtung Leonard Cohens aus dem Jahr 1992 verständlich. Wie heißt es in Anthem: "There is a crack, a crack in everything, that's how the light gets in."

Licht in unser Dunkel werfen, und trotzdem nicht über das Gesehene verzweifeln, darum geht es seit mehr als drei Jahrzehnten in dieser großen Kunst der lakonischen Zurechtfindung in Umständen, die wir als Versuchskaninchen auf diesem Planeten nur bedingt zu verantworten haben. Immerhin schauen wir dem, was uns klein macht, im günstigsten Fall selbst blinzelnd ins Auge: "Vielleicht sollte ich nicht immer so viel jammern. Das passt nicht zu meiner Sonnenbrille."

Der kanadische Poet Leonard Norman Cohen aus Montreal, der heute, Dienstag, 70 Jahre alt wird, mag zwar längst nicht mehr als Stimme unserer Zeit gelten. Das hat er über die Jahrzehnte so oder so nie gewollt wie gekonnt.

Wie meinte er in einem Interview Anfang der 90er-Jahre: "Ich verstehe gar nicht, warum ich immer mit Begriffen wie Melancholie und Verzweiflung in Verbindung gebracht werde. Oder gar mit diesem schrecklichen Wort ,cool'. Gerade dieser Begriff geistert schon viel zu lange umher - und er hat schon viel zu viele Seelen zerstört."

Mit seinen seit 1968 gerade einmal zwei Hand voll erschienener Alben verstand es der Mann nach seinen Anfängen als in Kanada gefeierter Lyriker (Flowers For Hitler, 1964) und Romancier (Beautiful Losers, 1966) aber, zu einer Stimme zu werden, auf die sich zumindest sämtliche Songwriter nachfolgender Generationen beriefen, so sie sich auch mit den dunklen Seiten beschäftigten.

Nick Cave, Jarvis Cocker, Ed Harcourt, Mark Lanegan, Rufus Wainwright, und, und, und . . .: Kaum einer der sinistren Songpoeten heutiger Tage kann sich ganz von seinen Einflüssen lossagen.

Dabei kam Leonard Cohen nach seinen ersten Erfolgen als Literat eher aus finanziellen als aus Gründen künstlerischer Eingebung zur Musik. Mit 32 Jahren als Randfigur der damals blühenden New Yorker Boheme-Zirkel erkannte er, dass mit Musik nicht zuletzt mehr sexuelles Neuland zu erobern war. Nachdem er Bob-Dylan-Entdecker John Hammond in seiner Bleibe, einem Zimmer des damals berüchtigten, heute berühmten New Yorker Chelsea Hotel einige Songs vorgespielt hatte, war die Sängerkarriere Cohens auf der Bahn.

Eine Woche später entstand im Eilverfahren das spartanische, aber umso erfolgreichere Debüt Songs Of Leonard Cohen, inklusive heutiger Evergreens wie Suzanne oder So Long Marianne oder Hey, That's No Way To Say Goodbye. Cohen gelangte mit spartanischem Lagerfeuergitarrengeschrammel, stoischer, über die Jahre immer mehr basslastig wie emotionsloser werdender Stimme und hellen Frauenchören im Hintergrund zu Weltruhm.

Lakonischer Humor

Er selbst bezeichnete die folgenden Meisterwerke, etwa Songs Of Love And Hate aus 1971 oder der Welt bis heute einzige Schilderung eines Geschlechtsverkehrs von Popstar mit Popstar, im konkreten Fall ein Blowjob von Janis Joplin in Chelsea Hotel #2 aus 1974, etwas kokett als "lyrischen Journalismus". Cohen erfand nichts, er lebte und fand darin seine Stoffe.

Nach beginnenden Misserfolgen, unter anderem der schrecklich-schönen Zusammenarbeit Death Of A Ladies' Man von Cohen mit der verrückten Produzentenlegende Phil Spector aus 1977, der ihm während der Studioarbeit einmal einen Revolver im Genick ansetzte, begann sich Cohen zunehmend aus dem Geschäft zurückzuziehen. Schwere Depressionen, Frauengeschichten, Alkohol und andere Drogen. Nach einer Phase der Läuterung folgte die Hinwendung zum jüdischen Glauben, unterbrochen nur von seltenen, aber umso beeindruckenderen, zunehmend gelassenen und von staubtrockenem schwarzem Humor getragenen Arbeiten wie I'm Your Man (1988) oder The Future (1992).

Daraufhin der endgültige Bruch. Cohen zog sich für mehrere Jahre überraschend in ein kalifornisches Zen-Kloster zurück und wurde Mönch, genannt ,,der Schweigsame".

Erst 1999 kehrte er in die Welt zurück und ließ sich zum Schrecken vieler treuer Hörer 2001 für sein Comeback Ten New Songs die Lieder mit bewusst billigen Keyboardsounds von seiner langjährigen Backgroundsängerin Sharon Robinson maßschneidern. Die Texte dokumentieren den stillen Rückzug von einer Welt, die wir alle so nie haben wollten: "May the lights in the land of plenty shine on the truth some day."

Am Dienstag (20.9.) feiert Leonard Cohen irgendwo in Kalifornien in aller Stille seinen 70. Geburtstag: "I came so far for beauty, I left so much behind, my patience and my family, my masterpiece unsigned." (DER STANDARD, Printausgabe, 21.9.2004)

Von
Christian Schachinger

  • Leonard Cohen feiert Dienstag, seinen 70er. Trotz seines weit gehen- 
den Rückzugs aus dem Geschäft wird Ende Oktober 
mit "Dear Heather" dennoch 
ein neues Album des brummigen dunklen Poeten erscheinen.
    foto: sony

    Leonard Cohen feiert Dienstag, seinen 70er. Trotz seines weit gehen- den Rückzugs aus dem Geschäft wird Ende Oktober mit "Dear Heather" dennoch ein neues Album des brummigen dunklen Poeten erscheinen.

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