Unordnung stiftet Sinn

27. September 2004, 12:32
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Hat das Leben einen höheren Sinn? Aus religiöser Sicht ja, aus wissenschaftlicher nein, hier steht der Zufall im Vordergrund

... was so vielleicht gar nicht stimmt - wenn man einen Widerspruch zwischen Physik und Biologie, zwischen Unordnung und Ordnung löst.

Religionen vertreten gewisse Vorstellungen über den Sinn des Lebens und bieten Glaubenserklärungen, warum Leben existiert. Vielleicht ist die grundlegende Definition religiösen Glaubens die Annahme, dass Leben einem (göttlichen) Zweck dient. Die Wissenschaft jedoch hat die Frage, ob das Leben einen höheren Sinn hat, bisher immer mit einem Nein beantwortet.

In einem in Kürze erscheinenden Buch erläutern nun die Wissenschaftsautoren Eric Schneider und Dorion Sagan, dass das Leben auch aus wissenschaftlicher Perspektive einem Zweck dient und daher einen Sinn hat, der über das bloße Selbst hinausgeht. Dazu lösten sie einen Widerspruch, der sich aus Biologie und Physik zu ergeben scheint.

Lebende Organismen enthalten Materie, organisiert in komplexen Strukturen. Organismen wandeln chemische Substanzen um, transportieren und lagern sie sinnvoll und in geordneten Bahnen. Auf der Ebene über dem einzelnen Organismus bilden sie Populationen und Ökosysteme. Der Mensch ist mit diesen Grundlagen vertaut, ist Teil davon. Biologie scheint auf Ordnung zu beruhen, Evolution zu immer komplexeren Organismen, höher organisierten Strukturen zu führen.

Das steht im Widerspruch zu einem Grundprinzip der Physik, dem zweiten Satz der Thermodynamik: Entropie - Abbau respektive Umformung aller Materie und Energie bis zum finalen Zustand inerter Gleichförmigkeit - nimmt infolge jedes einzelnen und aller Prozesse zu. Je weiter sich also die Welt entwickelt, desto mehr Unordnung entsteht.

Wie lösen nun Schneider und Sagan diesen Widerspruch? Grundlage dazu ist, dass der zweite Satz der Thermodynamik Oberhand behält, dass Leben selbst dazu beiträgt, die Entropie (Unordnung) zu vergrößern. Die Autoren unterscheiden aber zwischen Materie und Energie, behaupten, dass Strukturen organisierter Materie Energiegefälle rascher verteilen als zufällig angeordnete Materie.

Bierflasche als Beispiel

Als Beispiel führen sie ein Phänomen an, das Biertrinkern geläufig ist: Leert man eine Bierflasche und stellt sie dazu auf den Kopf, gurgelt das Bier in unregelmäßigen Abständen heraus. Dreht man die Flasche jedoch schnell und erzeugt so im Inneren einen Wirbel, fließt das Bier rascher und regelmäßiger heraus. Der Wirbel in der Flasche ist Struktur im Bier. Herabfließende Flüssigkeit ist Materie, die ihre potenzielle Energie verliert. Die Struktur, also die Ordnung, beschleunigt die Verteilung des Energiegefälles: Je komplexer die Struktur, desto wirkungsvoller die Energieverteilung. Populationen sind diesbezüglich wirksamer als das Individuum, Ökosysteme besser als Populationen. Am wirkungsvollsten sind menschliche Hightech-Gesellschaften.

Daher steht dieses physikalische Gesetz nicht im Widerspruch zum, sondern ist vielmehr Ursache für Leben. Es sorgt in der Evolution für höhere Komplexität, differenziertere Gesellschaften und Technologien - zum Zweck der Verteilung des Energiegefälles. Auf lange Sicht hat Leben also auch wissenschaftlich einen höheren Sinn. (Arne Jernelöv/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 9. 2004)

Zur Person:
Arne Jernelöv ist Professor für ökologische Biochemie, Honorar­professor und ehemaliger Leiter des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse in Wien sowie UN-Experte für Umwelt­katastrophen.

Copyright: Project Syndicate.
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