"Kontrollspur der Wahrheit läuft mit"

27. September 2004, 12:32
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Lügen und Lust beim Philosophicum

Ist es ratsamer, sich dem Problem von Lüge/Wahrheit spielerisch augenzwinkernd zu nähern oder streng nach Plan zu beackern? Ist man ihm als Philosoph gewachsen oder überlässt man das Terrain lieber der Theologie? Das diesjährige Philosophicum Lech, nämlichem Begriffspaar gewidmet, führte vor, dass es so oder so möglich und Gewinn bringend ist, wenn auch nicht gleichermaßen zugänglich.

Der Politphilosoph Kohler (Zürich) etwa zog eine Spur von Schiller zu Watergate, die große Konzentration erforderte; Drama wie Farce zeigen die Bedeutung von Rechtsstaat und gefinkelter Politik.

Dass Journalismus ein immer schwierigeres, weil immer gedächtnisloseres Geschäft wird, mutmaßte der Journalist Burkhard Müller-Ullrich. Naivität sei der Nährboden von Lügen, wie er anhand einiger Beispiele illustrierte. Dennoch, die Hoffnung bleibt, "die Kontrollspur der Wahrheit läuft mit". Ein Exempel dafür war wiederum die Lesung von Karl-Markus Gauß aus seiner Roma-Reportage, die er als "80 Prozent Recherche" und einen Rest von Montage definierte.

Dichter hätten aber andererseits die Lizenz für alternative Realitätsentwürfe, befand der Germanist Jochen Hörisch (Mannheim), und die seien wohl "so stimmig wie etwa die aktuelle Märtyrertheorie: Wahr ist, wofür ich zu sterben bereit bin." Dass man sich (und die anderen) auf dem Weg zu Poetik und neuen Normen verlieren kann, belegte der Kölner Künstler Jürgen Partenheimer.

Im Vergleich mit dem ersten Teil des Symposiums (siehe den Beitrag am vergangenen Samstag) konkretisierte sich das Thema Wahrheit/Schein/ Lüge und forderte das Publikum - darunter die fünf STANDARD-Stipendiaten - zu teils heftigem Widerspruch heraus.

So im Fall des Wiener Pädagogen Alfred Schirlbauer, der seine Zunft jahrzehntelanger Illusionen bezichtigte. Aufklärung aber heiße, Täuschungen zu enttäuschen, etwa die über den "immer schnelleren Verfall" des Wissens (die er mit einer kurzen Resetarits-Einlage karikierte). Von wissenschaftstheoretischer Seite ging Ulrike Felt (Wien) das Problem von Wissensoligarchien an. Wie die sich bei Fälschungen und Widersprüchen selber säuberten, werfe ein soziologisch relevantes Licht auf den Forschungsbetrieb insgesamt.

Eine Ehrenrettung der Illusion vollbrachte der Kulturwissenschafter Robert Pfaller (Linz); er verortete sie als ein Lustprinzip, kultivierte Gesellschaften könnten sich an Täuschungen erfreuen.

Mit dem "uns Theologen zukommenden Wort zum Sonntag" schloss der Rabbiner und Rechtsprofessor Walter Homolka (Potsdam) den Lecher Reigen und führte die Zuhörer auf den Boden einer verbindlichen, aber nicht dogmatischen Ethik zurück. Lüge sei nicht kreativ, wie eingangs gemutmaßt worden war, sondern zerstörerisch und daher nur in bestimmten Fällen erlaubt. Wahrhaftigkeit erst ermögliche eine lebbare Welt gegenseitiger Wertschätzung.

Womit der zu Recht zufrieden resümierende Bürgermeister von Lech Ludwig Muxel ein Stichwort hatte - das Thema des neunten Philosophicums: "Der Wert des Menschen", September 2005. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 9. 2004)

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