SPÖ präsentiert erste Eckpunkte des Bildungsprogramms

20. September 2004, 20:33
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Ohne Überraschungen - Liessmann: "Nirgendwo wird so viel gelogen wie in der Bildungspolitik"

Wien - Weil Bildungspolitik laut SP-Chef Alfred Gusenbauer "ein entscheidender Zukunftsfaktor und daher zentrales Element sozialdemokratischer Politik" ist, stand dieses Thema am Beginn der Herbstklausur des SP-Parlamentsklubs am Montag. Dabei präsentierte SP-Bildungssprecher Erwin Niederwieser erste Eckpunkte des SPÖ-Bildungsprogramms, das Ende November beim Parteitag beschlossen werden soll. Überraschungen gab es dabei keine - außer vielleicht der Feststellung des zur Expertendiskussion eingeladenen Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann, dass "nirgendwo so viel gelogen wird wie in der Bildungspolitik".

Als ersten Punkt seiner Stichworte zum SP-Bildungskonzept nannte Niederwieser den freien Zugang zu allen Bildungseinrichtungen ohne finanzielle Barrieren - "allerdings nicht ohne entsprechende Qualifikation". Wieder auf der Forderungsliste der SPÖ ist eine gemeinsame Schule bis zum 14. Lebensjahr. Inhaltlich werde aber eine andere Positionierung angestrebt, weg von der bisherigen Ausrichtung auf Naturwissenschaften und Technik hin zu kulturellen, philosophischen und politischen Schwerpunkten. Im Uni-Bereich will die SPÖ laut Niederwieser nicht "alles zurückdrehen auf den Stand von 1975 oder 1993", den Jahren mit den letzten Organisationsänderungen an den Hochschulen vor der Uni-Reform von ÖVP und FPÖ, sondern strebe Verbesserungen der finanziellen Ausstattung an.

Finnisches System als beispielhaft genannt

Sowohl Niederwieser als auch Gusenbauer nannten mehrmals das finnische Bildungssystem als beispielhaft, weshalb das Land auch in Bildungsvergleichsstudien deutlich besser abschneide. Damit provozierten sie massive Kritik Liessmanns, der gegen den Glauben an die "statistische Überprüfbarkeit der Bildung" und die "Fixiertheit auf den Mythos der Zahl und Statistik" wetterte. Mit solchen Rankings werde der "Schirennlauf zum Vorbild für die Bildungspolitik".

Im Zusammenhang mit der immer wieder beklagten zu niedrigen Akademikerquote in Österreich mahnte Liessmann, sich "vor Taschenspielertricks zu hüten". Die Quote werde zwar durch die Einführung der Pädagogischen Hochschulen und der Verleihung des Bakkalaureats an jeden Volksschullehrer hinauf schnellen, diese seien deswegen aber nicht klüger oder besser ausgebildet. Er forderte die SPÖ auch dazu auf, sich von der Idee Pädagogischer Hochschulen für alle Lehrer zu verabschieden, denn es sei ein "ungustiöser pädagogischer Inzestzirkus" und eine "Horrorvorstellung", wenn Lehrer mit 25 Jahren an die Schule kämen, die bis dahin nur mit Pädagogen zu tun hatten. Die Verbindung zur universitären Wissenschaft sei wichtig.

Eine "Vernachlässigung der sozialen Schicht der Akademiker" ortete der Wiener Krebsforscher Christoph Zielinsky. So gebe es in der Pensionsreformdiskussion keine Wortmeldungen dazu, wie die Pensionen der Akademiker betroffen seien. Der Arzt sprach sich zudem für Begabtenförderung und Elitenbildung aus. Österreich vertreibe aber die Eliten, weil es ihnen keine Möglichkeiten zur Entfaltung gebe. Talente würden auch durch die steigende Akademiker-Arbeitslosigkeit verschleudert, alleine in Wien seien 500 Fachärzte arbeitslos.

Als "Minderheitenprogramm" bezeichnete die Leiterin der Abteilung für Erwachsenen- und Berufsbildung der Uni Klagenfurt, Elke Gruber, die Erwachsenenbildung in Österreich. Die öffentliche Förderung dafür sei "erschreckend gering", es gebe kaum einen anderen Bereich, in dem die Rhetorik und die tatsächliche Situation so auseinanderklaffen.

Bei ihrem "Blick von Außen" ortete Petra Hesse, Vizerektorin der Universität Klagenfurt und zuvor lange Jahre in der Schweiz tätig, bei den österreichischen Studenten eine "starke Anpassung an hierarchische Verhältnisse". Es sei schwierig, sie zu kritischen Fragen zu bewegen, ihre Freude an Erkenntnis sei mangelhaft, sie kämen an die Uni, um "ein Minimalprogramm zu absolvieren". (APA)

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