S., Billa und Überbevölkerung

20. September 2004, 16:46
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Wo, fragte sich S. in der Warteschlange, hatten sich all die Büromenschen vor Eröffnung des Supermarktes versorgt?

Er sei, sagte S. und schob sein Wagerl einen Viertelmeter nach vor, nicht überrascht, wieso er und nicht ein hochwissenschaftliches Institut die Lösung gefunden habe. Schließlich, erklärte S., säßen Forscher im Elfenbeinturm – und hätten Vasallen, die sie zu Mittag in den Supermarkt schicken, um ihnen Wurstsemmeln oder das, was Wissenschafter zu Mittag essen, zu bringen. Deshalb wundere es ihn nicht, dass es eines wissenschaftlichen Laien wie ihn bedurft habe, das Problem zu erkennen, sondern auch, sagt S. triumphierend und begann seine Ware auf das Förderband zu legen: Er sei eben in der Lage, eins und eins zusammen zu zählen – und habe nun die Frage der Überbervölkerung geklärt.

Jetzt, plauderte S. über den Kopf der schwitzenden Kassiererin hinweg in unsere Billakassen-Wartereihe, sei es daher auch sonnenklar, wie man gegen die Überfüllung des Planeten mit hungrigen Mäulern am effizientesten vorzugehen habe: man müsse, so S., lediglich aufhören, Supermärkte zu bauen. Der Rest, behauptete S. und tippte seinen Bankomatcode in den Automaten, würde sich von alleine regeln.

Mittagseinkauf

Der Tag hatte normal begonnen. Irgendwann um die Mittagszeit war dann der Weg in den Supermarkt nicht mehr zu vermeiden gewesen. Zu dritt und mit einer Salat-Joghurt-Weckerl-Obst-Schoko-Liste der an ihre Sessel getuckerten Kollegen waren wir eingetrudelt – und natürlich nicht alleine: An den üblichen Nadelöhren stauten Büromenschen. Hier war es auch, wo wir S. kennen gelernt hatten: Vor ein paar Wochen. In der Feinkost-Schlange.

Obwohl wir alle seit ein paar Jahren im selben Stadtquadranten Schreibtischsessel zersitzen, hatten wir einander erst hier kennen gelernt. Nicht, dass das besonders toll oder besonders übel wäre: Der Supermarkt hatte erst vor wenigen Wochen eröffnet. Und weil es in der Umgebung keinen anderen gab, war es nicht verwunderlich, dass er voll war. Nur – und hier kam S. ins Spiel: wo, fragte S., hatten sich all die Büromenschen (Bauarbeiter waren ja immer nur solange hier, bis die Baustelle fertig war) eigentlich vorher ihr Mittagessen besorgt?

Vergessene Vergangenheit

Er habe, klärte S. uns ein paar Tage nach dieser ersten, alles ins Rollen bringenden Frage auf, Nachschau gehalten: Die kleinen Beisln und Restaurants der Umgebung seien voll wie früher. Es säßen auch die selben Leute drin. Auch beim Fleischhauer und bei den zwei –etwas entfernter liegenden – Bäckereifilialen sei es mittags voll wie eh und je. Und dass die Hundertschaften im Supermarkt früher ihr Essen von zu Hause mitgenommen hätten, würden wir wohl selbst nicht glauben: Er zumindest habe das nie getan – und, hielt S. dann mitten im Satz inne, tatsächlich binnen weniger Wochen vergessen, wie das früher gewesen sei.

Die Frage dürfte S. einige Tage lang so beschäftigt haben, dass er den Supermarkt mied. Vielleicht, mutmaßte eine in unserer kleinen Einkaufsgruppe, sei S. auf einen Retro-Mittagstrip gekommen und versorge sich wie früher. Aber als wir ihn vor wenigen Tagen doch wieder an der Feinkostbudel trafen, sahen wir im Glitzern in seinen Augen, dass er etwas herausgefunden hatte.

Der Menschengenerierer

S. ließ uns zappeln. Bis zur Warteschlange an den Kassen sagte er kein Wort. Und dann schwieg er auch noch die halbe Wartezeit – um dann um so furioser los zu legen. Supermärkte, erklärte er so laut, dass man ihn auch noch am hintersten Ende der vierten Warteschlange verstand, würden Menschen generieren. Sie kreieren. Sie erschaffen. Vielleicht ja sogar klonen: Da wir all die Leute rings um uns bisher nie gesehen hätten, erklärte S., sei der einzig logische Schluss, dass sie erst durch die Errichtung und Eröffnung des Supermarktes entstanden seien. Warteschlangen, überfüllte Parkplätze oder leergekaufte Joghurtregale, so S., wären lediglich Folgeerscheinungen des Supermarktbaus und der Supermarkterrichtungsgesellschaften: Ohne Supermärkte gäbe es nicht bloß die Kunden, sondern eben auch die Menschen nicht . Und – S. kam zu dem, was er Umkehrschluss nannte – da ja vor der Eröffnung des Supermarktes in unserem Quadranten keiner der nun hier Kaufenden hungrig durch die Gassen gezogen sei ... und so weiter.

Wir seufzten, zahlten, grüßten, gingen – und dachten uns nichts. Bis gestern. Da eröffnete uns B., dass ihr die These von S. zu denken gegeben hätte. Und sie stimme. Nicht nur beim Billa, sondern auch in der U-Bahn: Sie fahre ja jeden Tag mit der bummvollen U3. Aber die gäbe es noch nicht so lange. Und weil ähnlich und parallel führende Straßen, Straßenbahnen und Busse, ja sogar die U4, zur selben Zeit auch immer voll seien, habe sie lange gerätselt, wo und wie die U3-Fahrgäste wohl früher unterwegs gewesen wären. Dann, so B., habe sie S. an der Supermarktkasse gehört – und jetzt sei ihr alles klar: man müsse nur aufhören, U-Bahnen zu bauen – und alles wäre gut.

  • Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg. Jede Woche auf derStandard.at/Panorama

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