Passwort Patient

26. September 2004, 20:55
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Ein Technologiegespräch über den "virtuellen Patienten"

Über die Möglichkeiten und Gefahren elektronisch gespeicherter Patientendaten, womöglich in einer zentralen Rechenanlage, gehen die Meinungen weit auseinander. Die Ängste reichen vom Missbrauch durch Versicherungen und Arbeitgeber, Optimisten erhoffen durch Datenaustausch und -vernetzung einen Qualitätssprung in Diagnostik und Forschung.

Die von der IT-Plattform EC Austria und dem STANDARD veranstaltete Reihe der Technologiegespräche war diesmal in Innsbruck dem Thema "Der virtuelle Patient - Visionen und Realitäten der modernen Medizin" gewidmet. Am Podium waren Hans Dieplinger, Geschäftsführer von Vitateq Biotechnology, Michael Nogler, Orthopäde und Mitglied des Kompetenzzentrums Health Information Technologies Tirol (HITT), Klaus Schindelwig, Datenschutzbeauftragter des Tiroler Krankenanstaltenträgers Tilak, Herbert Höllebauer Ressortleiter Gesundheit bei der Telekom Austria, und Rainer Marksteiner, Geschäftsführer der Innovacell Biotechnologie Innsbruck.

Die weitreichendste Position nahm in der Diskussion der Nichtmediziner Herbert Höllebauer mit der Vision vom "elektronischen Patientenakt" ein, dessen Daten über eine "Datenautobahn im gesicherten Umfeld" allzeit greifbar sind. Die pointierteste Gegenposition vertrat der Datenschutzbeauftragte Klaus Schindelwig. Im Mittelpunkt müsse die optimale Patientenversorgung stehen und das Recht der Patienten auf Eigenbestimmung, was mit ihren Daten geschieht und wer in diese Einsicht nehmen kann. Der Orthopäde Michael Nogler verwies auf die Schwierigkeit, aus der Informationsfülle verwertbares Wissen zu machen. Noglers Zukunftsperspektive ist ein Informationswerkzeug, mit dem das Wissen über einen Patienten schnell in Relation zum Stand des Wissens über dessen Symptome und Diagnose gebracht wird. Derzeit würde noch viel für "Datencontainer" produziert und Ärzte sowie Pflegepersonal überproportional viel Zeit am Computer verbringen.

Rainer Marksteiner, der mit Innovacell eine anwendungsorientierte Firma gegründet hat, die sich mit regenerativer Medizin befasst, verwies auf die Gefahr, dass durch die Standardisierung in Datenbanken das Risiko steige, den Menschen zu standardisieren und Abweichungen zu stigmatisieren. "Das Gespräch mit dem Arzt bleibt von zentraler Wichtigkeit", sagte Marksteiner. Für Hans Dieplinger ist es "ein Segen", dass der heutige Patient wesentlich informierter und damit mündiger ist als vor wenigen Jahren. Zweifelsfrei ist für ihn auch, dass sich dank der "Datenflut" Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten deutlich verbessert haben. Mit Fortdauer der Diskussion wurde immer deutlicher, dass die lückenlosen Datennetze, die vollständige individuelle Krankengeschichte nur in relativ geringem Umfang - etwa bei chronischen Erkrankungen - von unmittelbarem Nutzen für die Patienten sind.

Wesentliche Triebfeder für die Vertiefung und Vereinheitlichung von Datensätzen bleibt das medizinische Forschungsinteresse. Die abschließende Frage, ob es zu einer Chipkarte zur Patientenidentifikation kommen soll, wurde am Podium durchwegs bejaht. Unterschiedlich fielen allerdings die Meinungen darüber aus, ob zur Realisierung ein Zeithorizont von drei Jahren ausreichen wird. (Hannes Schlosser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 9. 2004)

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