dag: Was Wissen schafft (II)

23. September 2004, 18:37
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Unser Mathematiklehrer vor etwa 30 Jahren hatte zwar Freunde bei der Nasa, von denen er gerne erzählte, aber im Rechnen war er schwach ...

Unser Mathematiklehrer vor etwa 30 Jahren hatte zwar Freunde bei der Nasa, von denen er gerne erzählte, aber im Rechnen war er schwach. Bei Gleichungen mit mehr als einer Unbekannten verzettelte er sich vor unseren Augen oft heillos mit seiner Kreide. Wenn auf der Tafel wirklich nichts mehr ging, drehte er sich um und betete insgeheim zu Gott oder Pythagoras, dass ihm Wilfried P., unser Klassenbester, bald auf die Sprünge helfen wolle.

Freilich ließ sich der Lehrer niemals auch nur ein Fünkchen Schande oder Demut ob seines desaströsen Scheiterns anmerken. Im Gegenteil: Er lächelte, blinzelte aberwitzig und strich mit der Zunge listig über die Oberlippe. Dann ging er aufs Ganze und stellte aus dem Nichts eine Prüfungssituation her, indem er fragte: "Na, wer weiß es? Wem ist es aufgefallen? Wo hab' ich euch den Fehler diesmal eingebaut?" Er fragte uns dies so lange, bis Wilfried P. bereit war, das Rechenmassaker zu bereinigen und die Gleichung zu lösen.

PS: Am Freitag schrieb ich an dieser Stelle: "Auf der New Yorker Harvard-Universität (. . .)" Diesen Fehler habe ich Ihnen natürlich absichtlich eingebaut. Jene, die sofort protestierten und "Cambridge" einforderten, kriegen von mir ein Plus. (Daniel Glattauer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 9. 2004)

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