Scaroni: "Kein Einfluss auf Konzernführung"

29. September 2004, 13:00
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Der italienische Staat zieht sich im Oktober beim Stromkonzern Enel auf unter 50 Prozent zurück - Mit Enel-Konzernchef Paolo Scaroni sprach Thesy Kness-Bastaroli

Standard: Der Staat wird demnächst seine Mehrheitsbeteiligung bei Enel abgeben. Wird sich dies auf die Konzernführung auswirken?

Scaroni: Der Staat hat schon bisher keinerlei Einfluss auf die Enel-Führung ausgeübt. Deshalb wird sich in Zukunft nichts ändern.

STANDARD: Behält sich der Staat durch die Goldene Aktie weiter ein Vetorecht bei strategisch wichtigen Entscheidungen vor?

Scaroni: Das Vetorecht hat er auch bei anderen Unternehmen, wo er längst nicht mehr die Mehrheit besitzt (Eni, Telecom Italia; Anm.).

STANDARD: Warum sind die Strompreise in Italien höher als im EU-Durchschnitt?

Scaroni: Der durch die Liberalisierung erfolgte Wettbewerb funktioniert, aber wir können keine Wunder an der Preisfront erwirken. Ohne die Ölpreisexplosion wären die Strompreise seit der Liberalisierung um 25 Prozent gesunken. Auch das Produktmix wirkt sich negativ auf die Preisbildung aus. Italien ist stärker als andere Länder vom Erdöl abhängig. Der Anteil der aus Erdöl gewonnenen Energie soll von derzeit 45 Prozent bis 2008 auf null gesenkt, die Ölkraftwerke sollen in Kohle-und Gasgeneratoren umgewandelt werden.

STANDARD: In Italien ist die Atomenergie wieder zum Thema geworden. Was halten Sie davon? (Italien hatte 1986 mittels eines Volksbegehrens auf Atomenergie verzichtet, Anm.)

Scaroni: Ich spreche ungern über Atomenergie, aber ich bin von ihren Vorteilen überzeugt: Sie ist in der Herstellung preisgünstig und hat null CO-Emissionen.

STANDARD: Wie ist Italien mit der Liberalisierung des Strommarktes vorangekommen?

Scaroni: Wir als Enel haben innerhalb weniger Jahre unsere Vormachtstellung bei der Stromproduktion aufgegeben und den Anteil auf unter 40 Prozent gesenkt. Seit 2001 haben wir drei große Kraftwerksgruppen an in- und ausländische Unternehmen (Endesa, Energia, Edison) verkauft. Das soll uns mal jemand in Europa nachmachen.

STANDARD: Sie engagieren sich stark im Osten. Sind Sie auch an Beteiligungen in Westeuropa oder eventuell an Fusionen interessiert?

Scaroni: Heute sind die Synergien für interregionale Zusammenschlüsse im Energiesektor bei Infrastrukturen noch zu gering. Mittel-und langfristig gesehen machen internationale Fusionen sicherlich Sinn. Wir haben uns in Rumänien und Bulgarien engagiert und bieten auch in der Slowakei. Polen und Russland sind für uns ebenfalls interessante Märkte. Wir sind vor allem an Privatisierungen interessiert, wo wir die Mehrheit und auch die Führung des Konzerns erhalten. Aggressiv gehen wir nur bei Alternativenergien, insbesondere im Bereich der Erdwärme-Energie vor. In diesem Bereich sind wir international führend und wollen unsere Position noch verstärken.

STANDARD: In Ihrer zweijährigen Amtszeit haben Sie die Effizienz des Stromkonzerns wesentlich verbessert und den operativen Gewinn verdreifacht. Ist der Wandel vom Multidienstleister zum Strom-/Gaskonzern abgeschlossen?

Scaroni: Wir werden demnächst noch aus dem Wassergeschäft aussteigen und Enelhydro verkaufen. Auch soll die zu 100 Prozent von Enel kontrollierte Telekomgesellschaft Wind in den kommenden 24 Monaten auf den Markt kommen. Wir werden außerdem unsere Beteiligung an der zu 50 Prozent kontrollierten Stromnetzgesellschaft Terna bis Ende 2005 auf fünf Prozent abschichten. Auf Enel-Aktionäre warten im Gegenzug Sonderdividenden.

Zuer Person: Paolo Scaroni (58), Chef des zu 60 Prozent staatlichen Stromkonzerns Enel, ist einer der wenigen internationalen Topmanager Italiens. Er studierte Wirtschaft an der Mailänder Bocconi und hat einen Master in Business Administration der Columbia University, New York.
  • Sieht den Stromkonzern für die Zukunft gut gerüstet: Enel-Chef Paolo Scaroni
    foto: standard

    Sieht den Stromkonzern für die Zukunft gut gerüstet: Enel-Chef Paolo Scaroni

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