Der Widerspenstigen Zähmung

19. September 2004, 19:22
1 Posting

Eine stille Salzburger Ideologietragödie

Die beflissene Sorgfalt, mit der die große Oppositionspartei nach den harschen medialen Bastonaden ihre wirtschaftspolitischen Vorhaben von allem traditionell sozialistischen Gedankenunrat penibel bis zur Nullansage reinigte, könnte beinah als Beweis für die Richtigkeit der These von der Macht der Medien gelten.

Hätte diese These auch im Bereich von Kunst und Kultur ihre Gültigkeit, dann stünde zu erwarten, dass ab dem Jahr 2007 bei den Salzburger Festspielen keine einzige Ticketbestellung mehr eingeht. Denn der geschlossene Protestschrei, mit dem die Medien vor allem im deutschen Sprachraum auf die Nominierung des Nachfolgers von Noch-Intendant Peter Ruzicka reagierten, wäre Grund genug für eine vorsichtige Abstinenz seitens des Festspielpublikums.

Auch wenn ein solches Verhalten alles eher als wahrscheinlich ist, so erfuhr dieses Festival durch die Einigung seines Kuratoriums auf diesen kleinsten Nenner nun doch einen Reputationsknick, den es in der gegenwärtigen Phase seines mehr monetär als künstlerisch generierten, allzu verbindlichen Programmgeschlingers ganz und gar nicht brauchen kann. So kann auch die Zukunft auf die Gegenwart abfärben.

Dass sich die große Oppositionspartei diesem kollektiven Salzburger Marsch in die Peinlichkeit ohne aufzumucken angeschlossen hat, blieb bei der traditionell gewordenen Unauffälligkeit ihrer Aktionen weit gehend unbemerkt. Nicht dass man auf die Meinung ihres Vorsitzenden, wen er sich als Salzburger Festspielintendanten wünscht, wirklich neugierig gewesen wäre.

Hat man doch schon längst begriffen, dass der Bundes-SP wirkliches kulturpolitisches Profil nicht einmal mehr einen Heller wert ist. Außerdem war der seitens der großen Regierungspartei lancierte Vorschlag für die Lösung der Ruzicka-Nachfolge ohnedies schon naiv genug.

Doch anders als bei der konjunktivischen Nullansage im Falle ihres Wirtschaftsprogramms hat die große Oppositionspartei in Salzburg, wo sie immerhin in Stadt und Land die Regierung anführt, bei der Intendantenkür den Indikativ ihrer politischen Macht zu unmotiviert willfähriger Mittäterschaft missbraucht. Immerhin stellen das Land und die Stadt Salzburg auch 40 Prozent der Festspielsubventionen. Wer so viel einbringt, muss sich nicht im regionalen Schatzmatz der Großkoalition gleich die Courage ab- und als unmündig verkaufen lassen.

Die Enttäuschung darüber, dass dies offenbar trotzdem der Fall ist, wird umso schmerzlicher, als Salzburgs neue Landeshauptfrau bei ihrem Eintritt ins Kuratorium ursprünglich Anlass zu hoffnungsvollen Erwartungen gab.

Die wilde Frische, mit der sie der Salzburger Festspielpräsidentin in den Arm fiel, als diese für ein Festival, das für Frieden und Völkerverständigung gegründet wurde, ausgerechnet den, wenn auch genialischen, so doch nicht unumstrittenen Konfliktfreund André Glucksman als Eröffnungsredner wünschte, ließ für das in taktischer Routine ermüdete Kuratorium einen belebenden Zuwachs an elanvoller Diskussionsbereitschaft erwarten.

Auch wenn deren Effizienz im ersten Fall mit dem von der Landeshauptfrau als Glucksmann-Ersatz aus dem Ärmel gezauberten Filmregisseur István Szabó sich als nicht eben umwerfend erwies.

Die artige Besonnenheit der seltenen Wortspenden, die von der Salzburger Landeschefin in den Wochen und Tagen vor der hinlänglich beweinten Personalentscheidung durch das Kuratorium zu vernehmen waren, legen die Vermutung nahe, dass sich die infolge ihres politischen Vorlebens in kulturellen Belangen naturgemäß noch unerfahrene Spitzenmandatarin in einem höheren Maß, als dies ihr und der Sache, die sie mitzuverantworten hat, gut tut, domestizieren ließ.

Ähnlich wie man junge, im Dschungel frisch gefangene Elefanten zu deren Bändigung zwischen zwei schon längst gezähmte Tiere stellt, scheint die müde Pragmatik des ausschließlich politisch motivierten Taktierens von den neben ihr sitzenden Kuratoriumsgranden osmotisch in sie eingesickert zu sein. Und dies - zum Vorteil der Grundstimmung dieses Gremiums und zu ihrem Nachteil -, noch bevor sie überhaupt ihre eigene kulturpolitische Identität entwickeln konnte.

Es gab nämlich keinen anderen sachlichen Grund für die getroffene Lösung, als dass sie auch für die mit ihrem Vorschlag abgeblitzte schwarze Wiener Kulturzentrale akzeptabel war. Um gegen eine solche zu opponieren, muss man keine SP-Politikerin sein, sondern nur - jenseits allen parteipolitischen Gerangels - die übertragene Mitverantwortung für die noch immer als das wichtigste Musik- und Theaterfestival der Welt geltenden Salzburger Festspiele ernst nehmen.

Das einzige Argument, das die österreichische Sozialdemokratie zugunsten dieser Entscheidung vorbringen kann, wäre, dass mit dieser neben dem Staatsoperndirektor noch einem zweiten arbeitswilligen Senior der Lebensabend vergoldet wird. Ein Hinweis, der auch dem SP-Wirtschaftsprogramm durchaus als Zierde dienen könnte. (Peter Vujica/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 9. 2004)

Share if you care.