Mehrstimmig Shoppen

24. September 2004, 22:27
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Wiener Secession zeigt drei Installationen von Silvia Kolbowski

Das sind fragwürdig aufwändige Versuche, die Mehrdeutigkeit zu illustrieren - geschätzte Rezeptionsdauer: nicht unter einem Tag


Wien - Ein populäres Mittel der avancierten diskursorientierten Kunstpraxis ist die Meinungsumfrage. Ob der Verschiedenheit der eingeholten Meinungen erfüllt das Material dann schon eine Grundvoraussetzung - es ist recht komplex.

Durch verschiedenste Techniken der Aufbereitung lässt sich die mehrschichtige Verknüpfung der gesammelten Vorstellungs- und Erlebnisinhalte noch zusätzlich anreichern. So ein vielstimmiges Nebeneinander ist zum Beispiel dafür gut, den Objektivitätsanspruch von Aussagen in Frage zu stellen und dadurch dann so genannte "paradigmatische Phänomene eines aktuellen Zeitgeistes" aufzuzeigen: Shoppen zum Beispiel, oder die Symbolkraft der Macht oder die ewig fortschreitende Historisierung von diesem oder jenem.

So kann man etwa die Bild und die Tonspur einer Aufnahme ganz bewusst asynchron laufen lassen und - mehr noch - in voneinander getrennten Räumen abspielen. Man sieht dann deutlich den Nachdruck von Gesten, die nicht zum Murmeln aus dem Nebenraum passen.

Oder hört umgekehrt diffus vertraute Geschichten und würde gern deren Erzähler kennen, was jetzt wiederum schwierig ist, weil die Bildspur im Nebenraum ja nicht zur eben vernommenen Tonspur passt. Und außerdem passt das Bang-&-Olufsen-Soundsystem rein zeitlich überhaupt nicht zum Gesprochenen. Und die ganze Installation passt nicht in die Secession, weswegen sie aber gerade dennoch dort ist, nur eben in einer gedämmten Holzhütte untergebracht, damit man die Videoprojektion auch sieht und die Stimmen nicht von jenen Stimmen gestört werden, die aus den beiden Nachbarhütten kommen. (Hübsche Hütten übrigens, von Ali Tayar - parallel design NY - extra entworfen. Die wären, hätten sie Fenster, eine Zier für jeden Garten). Hilfe zum geforderten Einlassen kommt vom Beipackzettel: Die 1953 in Buenos Aires geborene Silvia Kolbowski, die jetzt aber in New York lebt, hat 22 Künstler gebeten, sich an Konzeptkunstwerke aus der Zeit zwischen 1965 und 1975 zu erinnern.

Bedingung: Die Werke durften nicht von ihnen selbst stammen, und in den Erzählungen muss tunlichst vermieden werden, Titel oder Künstler des Werks auch zu nennen. Ergebnis: Erzähler wie Rezipient scheitern auf der vollen Linie, was aber gut sein soll, weil das angeblich den "offiziellen Fluss der Geschichtsschreibung stört".

Erkenntnis: Jeder sieht irgendwie alles anders, was aber die Bösen stört. Und also versuchen die uns zum Zweck der Macht- und folglich der Kapitalanhäufung einzureden, alles wäre objektiv so und so gewesen.

Ähnlich betroffen hinterlässt uns die Nachbarhütte. Wieder hört man Stimmen, isoliert Zitate wie "Vorher habe ich Angst" oder "Ich finde es einfach entspannend" oder "Manchmal muss ich es einfach tun". Dazu gibt es als Videoloop Gewaltszenen aus einem Actionfilm. Und draußen vor der Tür hängen Fotos überwiegend nachdenklich wirkender Frauen.

Lösung: Die Porträtierten wurden gebeten, über ihre Erfahrungen mit dem "Shoppen" zu berichten, ohne das böse Wort auszusprechen. Die Porträts entstanden dann in dem Moment, in dem die Frauen ihre Aussagen aus dem Mund einer Schauspielerin hörten.

Resümee: Avancierte Kunstpraxis macht viel Arbeit. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 9. 2004)

  • Blick in Silvia Kolbowskis kritisches Haufendorf
    foto: secession 2004

    Blick in Silvia Kolbowskis kritisches Haufendorf

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