Squarepusher: "Ultravisitor"

21. Oktober 2005, 15:27
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Zwischen Fleischwolf und Liederlichkeit: "Spektakel der Schön­heit und des Terrors"

Für viele ist Ultravisitor von Tom Jenkinson alias Squarepusher einfach Lärm, andere wiederum sehen in dem neuen Album die Fortsetzung einer abstrakten und experimentellen Form von Drum'n'Bass, mit Sinn dahinter. Fest steht, dass der in Essex/England geborene Musiker seit dem Beginn seines musikalischen Schaffens 1996 Drum'n'Bass auf einer rhythmischen Hochgeschwindigkeitsachterbahn fahren lässt.

Mit Ultravisitor veröffentlicht Jenkinson nun bereits die siebte Platte beim britischen Label Warp, insgesamt hat er in den acht Jahren bereits neun Alben geschaffen. Aufgrund der Komplexität seiner musikalischen Ansätze ist es nahezu unmöglich, ihn in eine musikalische Schublade zu quetschen. Gemeinhin wird Squarepusher gerne in einem Atemzug genannt mit Aphex Twin, Boards Of Canada, Autechre, und Plaid. Meist bewegen sich seine Stücke rund um Melodien mit Hang zum Kitsch, um Atonalität sowie rythmische Feuerwerke, "Intelligent Techno", Afro-Jazz und Dance.

Binarität

Spätestens seit Music Is Rotted One Note (1998) driftet Squarepusher immer mehr ab von binären Sequenzern und Samples hin zu dem, was er ist: ein Musiker, mit zunehmendem Hang zu klassischen Instrumenten. Jenkinson, der als Kind Bassgitarre und Schlagzeug lernte, widmet sich immer mehr dem Auffinden von Brücken zwischen Jazz und elektronischer Musik. Sequenzer sind ihm zu eckig, zu digital. Ihn interessiert vielmehr die Unvorhersehbarkeit von Zufällen durch Improvisationen. Auch Maschinen sieht er nicht als pure Erfüllungsgehilfen des menschlichen Willens, er räumt ihnen auch Kreativität und Eigenständigkeit ein.

Fusion

Auf der Suche nach neuen Klang-Territorien fernab von gängigen Kategorien verharrt Squarepusher aber nicht in starren Positionen, sondern erneuert stets auf kompromisslose Art und Weise die Umsetzung seiner hybriden musikalischen Ansätze. In Ultravisitor steht mehr der Musiker als der Programmierer im Vordergrund, das Digitale treibt sein analoges Schaffen lediglich auf den Gipfel und darüber hinaus. So fusioniert das nach dem Album benannte Titelstück eine Art "High Speed Drum'n'Bass" mit perkussivem Chaos und rhythmischen Melodien, mit gotisch anmutenden Orgelklängen, die allesamt nach gut acht Minuten in ein allmählich zerhacktes Jazzgitarrensolo nebst Bass mutieren und so das zweite Stück (I Fulcrum) einläuten. Die Lieder auf Ultravisitor gehen nahtlos ineinander über, werden meist angetrieben von einem tonalen Jazz und sind oftmals von Samples johlend entzückter Zuschauer durchzogen. Es überleben analoge Rohmaterialien unbedrängt und werden Seite an Seite mit der herkömmlichen digitalen Menagerie von mutierten und verzerrten "Klicks, Cuts und Pieps" begleitet (Menelec, 50 Cycles).

Stimmungen

In Steinbolt vermischt sich dieses Konzept mit einem wahrlich spasmischen Mix von nach Heavy oder Death Metal klingenden Gitarrenriffs und sporadischen Drum'n'Bass Rhythmen. Nach zwei Sekunden Erholungspause wird diese Verfahrensweise in An Arched Pathway weitergetrieben, wobei verzerrte, in Improvisationen mündende Basstöne die Metalriffs ablösen und samt Rückkoppelungen auf Telluric Piece ihr Ende finden. District Line II startet atmosphärisch, gefolgt vom nächsten Gipfel punkto manischer Beatprogrammierung und Dissonanzen.

Mit melodiösen Klanglandschaften durch Bass, Gitarre und Schlagzeug kommt man als Zuhörender doch auch hin und wieder zur Ruhe. Denn als Gegenstück zu den wie durch den Fleischwolf gedrehten Stücken durchziehen den "Ultrabesucher" auch immer wieder liederliche Stimmungsmomente, in denen Instrumente samt Melodien auftauchen und verschwinden und sich selten in den Vordergrund drängen. (Iambic 9 Poetry, Andrei, Tommib Help Buss und Every Day I Love).

"Ultravision"

"Ultravisitor is my spectacle of beauty and of terror. It is unknowable, and will never be understood by anybody, least of all its creator," lässt sich der als wortkarg bekannte Künstler zu einem Kommentar über sein neues Album hinreißen. Vielleicht erklärt dieses Statement auch seinen gleichgültigen Blick am Album-Cover. Als hätte er zu sagen, dass er nichts zu sagen hat. Dass es ihm egal sei, was man von seinem musikalischen Schaffen hält. Vielleicht ist dies auch als Anstoß dafür zu verstehen, Kategorisierungen seiner Musik von vornherein auszuschließen. (cra)

  • Ultravisitor von Squarepusher, erschienen im  März 2004.
    foto: warp

    Ultravisitor von Squarepusher, erschienen im März 2004.

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