"Der Balkan fängt am Rennweg an"

10. Februar 2005, 22:42
3 Postings

Der EU-Beitritt als Friedensprojekt für den Westbalkan - Serie zur österreichischen Ostzusammenarbeit

Der Westbalkan gehört in das "Friedensprojekt EU". Das ist die "Ratio" für die Österreichische Entwicklungs- und Ostzusammenarbeit in der Region. Mit relativ wenig Geld aber dafür viel Kenntnis der Mentalitäten der Menschen treibt die OEZA dort ihre Projekte voran.

* * *

Wien - "Der Balkan fängt am Rennweg an" - Ingrid Sager muss es wissen. Sieben Jahre hat sie in Bosnien-Herzegowina verbracht und dort unmittelbar nach dem Krieg die regionale Österreichische Entwicklungs- und Ostzusammenarbeit (OEZA) aufgebaut. Jetzt sitzt sie in einem kleinen Büro am Wiener Minoritenplatz und leitet das Ostzusammenarbeitsreferat im Außenministerium.

"Das Typische an unserer Arbeit ist deren politischer Charakter", erklärt Sager. Am Balkan sei man in einer Situation, wo alles in einem Kontext von Konfliktprävention und Versöhnung steht (siehe Artikel rechts unten). Letztendlich sei auch der europäische Integrationsprozess ein Friedensprojekt - "das ist die Ratio, warum die Länder des Westbalkan der Europäischen Union beitreten sollen und wir das mit unseren Programmen unterstützen".

Minderheitenrückkehr

Häuser bauen, so Sager, "kann jeder, dazu braucht es die Ostzusammenarbeit nicht. Wir wollen mit unseren Projekten den ethnischen Säuberungen etwa in Bosnien etwas entgegensetzen oder sie sogar rückgängig machen." Österreich sei etwa das erste Land international gewesen, das die Minderheitenrückkehr in Bosnien gefördert habe. Mit relativ wenig Geld, aber viel Kenntnis der Mentalität und der lokalen Verhältnisse habe man dort - "Eigenlob stinkt, aber so ist es" - ziemlich gute Projekte vorangetrieben.

Am Weg nach Europa

Die Frage, ob und wie reif die Länder des Westbalkans für einen Beitritt in die EU sind, ist für Sager eine politische Frage: "Meines Erachtens waren auch Spanien, Portugal und Griechenland nicht reif, wurden aus politischen Gründen aber doch hineingenommen." Es hänge also nicht nur von den Staaten selbst ab. Viel Auskunft dürfte eine Klärung des künftigen Status für den Kosovo und für Montenegro geben - falls der denn je geklärt werden sollte. Einen Schub für den Balkan soll auch die österreichischen EU-Präsidentschaft im Jahr 2006 bringen, an deren Planung im Außenministerium bereits heftigst gearbeitet wird.

Beispiel Kroatien

Alle Experten hoffen zudem, dass das kroatische Beispiel (Zagreb hofft, im März 2005 mit den Beitrittsverhandlungen zu beginnen) positiv in den Süden - und Osten - ausstrahlt. Denn die Perspektive eines EU-Beitritts erzeuge eine ganz andere Dynamik im Reformprozess als in Ländern, in denen bloß der Stock geschwungen wird, denen aber die Aussicht auf die "Karotte EU" fehlt.

Bis es tatsächlich so weit ist, dürfte allerdings noch einiges Wasser die Donau, die Neretva und die Drina hinabfließen. Und bis dahin sind die Projekte und Schwerpunkte der OEZA (siehe Wissen und Grafik) auch mit bescheidenem finanziellen Volumen unverzichtbar. Österreich unterstützt etwa in Serbien Projekte gegen Frauenhandel, die Erstellung eines Menschenhandel-Handbuches für serbische Staatsanwälte und den Umweltschutz. In Nordalbanien kümmert sich die Ostzusammenarbeit um Wasserversorgung und Wasserkraftwerke, in einer der reizvollsten Gegenden Montenegros um Regionalentwicklungspläne und Tourismusförderung, in Mazedonien um Wirtschaftsschulen.

Strenge Evaluation

Für die Evaluation der Projekte gibt es formale Prozesse mit externen Auditoren. Vergangenes Jahr wurden etwa die gesamten Wasseragenden unter die Lupe genommen. Danach gab es einen Workshop, in dem es um die Umsetzung der Ergebnisse und die Verbesserung der Projekte ging. Daneben gibt es Monitoring durch die Projektbüros vor Ort und Fachmonitoring im technischen Bereich - in Sachen Wasser macht das etwa die Kommunalkredit Public Consulting.

Zudem gibt es eine Endabnahme, wo noch einmal mit Checklisten und nach genau vorgeschriebenen Parametern geprüft wird. Mit den Partner bleibe man auch über die Projektlaufzeit hinaus in Kontakt, so Ingrid Sager. Denn: "Entwicklungsarbeit ist etwas, wo man einen längeren Atem braucht. ,Hit and run', das hilft niemandem." (DER STANDARD, Printausgabe 18./19.9.2004)

Von Christoph Prantner

Links

www.bmaa.gv.at
www.ada.gv.at

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Seit die wieder aufgebaute alte Brücke von Mostar Ende Juli mit international viel beachteten Feierlichkeiten eröffnet wurde, kamen 150.000 Touristen in die Stadt, um das Zeichen der Versöhnung zu sehen.

Share if you care.