Das Handwerk des Dichtens

24. September 2004, 12:25
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Norbert Gstreins exemplarische Literaturlektion

Seit einiger Zeit findet sich "die Authentizität", wenig stichhaltig, zum ästhetischen Trumpf deklariert. Damit begann offenbar eine Literaturbetriebs-Blindheit zu grassieren, die Romanfiguren nicht mehr als prinzipiell fiktive Geschöpfe zu verstehen gewillt ist. Ausgerechnet manche Bildungsbeflissene und Berufsleser, die einer Schlüsselloch-Gesellschaft der Realityshows kritisch gegenüberzustehen vorgeben, bemühen sich bisweilen, den ihnen unliebsamen Werken die Grundlagen abzusprechen, nämlich Einbildungskraft und Literarizität.

Dass Norbert Gstrein 2003 seinem Roman Das Handwerk des Tötens - der sich nicht zuletzt darum dreht, wie heute von dem hierzulande kaum in den Vorstellungen nachvollziehbaren Ereignis Krieg erzählt werden könne - eine Widmung an den 1999 im Kosovo erschossenen Journalisten Gabriel Grüner voranstellte, hatte insgesamt für dieses Werk neben viel Lob ein paar dröhnende Vorwürfe zur Folge: Hier würde (eine) Geschichte verfälscht, da eigne sich einer unzulässig Leben und Tod anderer an und entstelle, ja attackiere tatsächlich existierende Personen.

Wie verhalten sich Fakten und Fiktion zueinander, was ist literarisches Erzählen, wie treffen mitunter Poetik und Literaturbetrieb aufeinander - darum geht es nun Norbert Gstrein in dem kleinen Band, der eine zentrale Frage zum Titel hat: Wem gehört eine Geschichte? In einem präzisen, essayistisch-narrativen Duktus antwortet Gstrein hier nicht nur in bestechender Argumentation auf diverse Angriffe; in erster Linie legt er einen wesentlichen Beitrag zur Debatte über das Entstehen aktueller Literatur, ihre Bedingungen und Spielräume vor.

Mag auch die Widmung strategisch nicht klug gewesen sein, weil sie jenen ein Schlüsselloch liefert, die den Roman durch ein solches sehen wollen, so bietet sie freilich Gstreins Poetik in konzentriertester Form: Sie beschwört das Gedenken an einen Menschen, "über dessen Leben und Tod ich zu wenig weiß, als dass ich davon erzählen könnte". Da dieser Satz offenbar weniger genau gelesen wurde, als der Dichter sein literarisches Werk ausführt, holt Gstrein nun weiter aus und erläutert, auch in Anlehnung an Danilo Kis, Imre Kertész, Uwe Johnson u.a., "wie beim Erzählen eine neue Art von Realität konstruiert" wird. Während seinem Schreibverfahren, das ja "die Konstruiertheit aller Realität" betont, eine unlautere Abbildung der Wirklichkeit vorgeworfen wurde, vermochte er mit der Figur des Christian Allmayer in Das Handwerk des Tötens das Exemplarische der Erfahrung eines scheinbar unbeteiligten Beobachters in einem Krieg eindringlich zu gestalten. Zudem erinnerten Gstrein die Geschichten und Mythen aus den jugoslawischen Trümmern an die Alltagsaggressionen in seiner Heimat, sodass er den Roman als Teil seiner Herkunftsgeschichte verstehen und der Gefahr entgehen konnte, "über die Grausamkeit des Krieges so zu schreiben, als wäre dergleichen nur auf dem Balkan möglich". Das Traurigste am Entschlüsselungsfuror sei, wie die Eitelkeiten das eigentliche Thema zu überdecken drohten: "die Kriege in Jugoslawien und wie man darüber schreiben oder nicht schreiben kann, was unvermeidlich eine manchmal nicht mehr freundliche Auseinandersetzung mit anderen Positionen und anderen Stimmen" - sowie nicht zuletzt mit der eigenen Position des Schreibenden - einschließt, vermerkt Gstrein zu Recht.

Diese Replik, deren Verve angemessen und nie vermessen erscheint, eröffnet Einblicke in die Hintergründe und Intentionen des Romanciers, in seine Poetik der Skepsis. Mit der Broschüre Wem gehört eine Geschichte? erteilt Norbert Gstrein dem "naiven Realismus des Lesens" eine Literaturlektion. Furios gibt er zu bedenken, welcher Problematik sich die Dichtung angesichts der großen Grausamkeiten und der kleinen Betriebsniedrigkeiten heute zu stellen hat, und schließlich führt er die Reflexion wieder in eine eindringliche Narration (von seinen Reisen nach Exjugoslawien) über: eine exemplarische Antwort auf die Frage, was Literatur ist und kann. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.9.2004)

Von
Klaus Zeyringer

Norbert Gstrein:
Wem gehört eine Geschichte? Fakten, Fiktionen und ein Beweismittel gegen alle Wahrscheinlichkeit des wirklichen Lebens. € 15,30/109 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/ Main 2004. Zum Thema

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