"Besonders erschreckender Tiefpunkt"

20. September 2004, 19:11
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Die Wiener Philharmoniker im Konflikt mit Ioan Holender wegen "Privatsubstituten"

Wien - Die Neue Zürcher Zeitung verriss letzte Woche die drei Konzerte der Wiener Philharmoniker beim Lucerne Festival auf brutale Art und Weise: Sommer für Sommer würde das Orchester derart abstürzen, dass man sich fragen müsse, ob es tatsächlich die Nummer eins auf seinem Gebiet sei. Heuer hätten die Wiener unter Valery Gergiev "einen besonders erschreckenden Tiefpunkt erreicht"; die drei Abende seien "durchs Band schrecklich" gewesen, "am schrecklichsten" die Pa- thétique von Tschaikowsky.

Zuvor, bei den Salzburger Festspielen, fragten sich manche, ob jenes Orchester, das sie da hörten, tatsächlich die Wiener Philharmoniker seien. Und sie kamen zum Schluss, dass etliche Musiker unmöglich Mitglieder des renommierten Vereins sein können.

Auch Staatsoperndirektor Ioan Holender stellte dies fest. Da die Wiener Philharmoniker weit gehend personalident mit dem Orchester der Staatsoper sind, erinnerte er "aus gegebenem Anlass" in einem mit 23. August datierten Brief daran, dass die Musiker verpflichtet sind, "ihr Dienstlimit persönlich zu erfüllen".

Es geht um die so genannten "Substituten". Diese Ersatzmusiker sind immer wieder vonnöten, da die Zahl der Philharmoniker mit 147 begrenzt ist. Zudem spielen 42 Philharmoniker in der Hofmusikkapelle, die jährlich mit über einer Million Euro subventioniert wird. Aber die Musiker sind auch in diversen anderen Kammermusikensembles engagiert: Sie finden mitunter keine Zeit mehr, allen Verpflichtungen nachzukommen - und organisieren auf privater Basis (bisher mit Duldung des Direktors) Ersatzinstrumentalisten.

Laut geltendem Kollektivvertrag dürfen Substituten aber "nur mit Genehmigung der Direktion bei entsprechend hohem Standard an künstlerischer Qualifikation herangezogen werden". Und sie müssen "regelmäßig zu Einstudierungsproben herangezogen werden". DER STANDARD stellte Holender daher bereits am Mittwoch mehrere Fragen:

Ob er tatsächlich über die einzusetzenden Substituten informiert wird und die Genehmigung erteilt hat. Ob die Substituten tatsächlich den "hohen Standard an künstlerischer Qualifikation" aufweisen. Ob alle Musiker die "Monatsvorstellungsdienstlimits" (Streicher müssen zumindest 15 Dienste leisten, Pauker und Tubisten 13) erfüllen.

Ob es vorkommt, dass ein Musiker eigenmächtig Substituten einsetzt, um sein Limit zu erfüllen. Und ob die Orchesterinspektion, wie es im Kollektivvertrag steht, "auf die Anzahl der jeweils zum Einsatz gelangten Substituten" achtet. Eine Antwort stellte Ioan Holender in Aussicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.9.2004)

Von
Thomas Trenkler
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