"Ziemlich viel Gewalt im Irak"

19. September 2004, 18:32
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Bush aber trotzdem zuversichtlich - Heftige Attacken Kerrys

Der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry hat rasch auf einen bisher geheim gehaltenen Bericht des National Intelligence Council vom vergangenen Juli reagiert, der düstere Szenarios für die Zukunft des Irak entwirft: Sein Widersacher, Präsident George W. Bush, lebe offenbar in einer "Fantasiewelt", wenn er Fortschritte im Irak orte. Stabilität und Sicherheit im Irak rückten in immer weitere Ferne. Bush hatte am Donnerstag zwar eingestanden, dass es "ziemlich viel Gewalt im Irak" gebe. Aber: "Die Freiheit ist im Vormarsch."

Eine Reihe von Bushs republikanischen Parteifreunden übten ebenfalls heftige Kritik nach Bekanntwerden des "National Intelligence Estimate". Senator Chuck Hagel warnte vor der "großen Illusion, dass wir gewinnen". Der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im Senat, Richard Lugar, rügte Bush, der "Mangel an Planung sei offenbar". Auch der Demokrat und Außenpolitikexperte, Senator Joseph Biden, nahm sich kein Blatt vor den Mund: "Der Präsident hat den Krieg im Irak oft als zentrale Front im Krieg gegen den Terror bezeichnet. Wenn man diese Definition anwendet, ist der Krieg gegen den Terror in großen Schwierigkeiten." Der ehemalige UNO-Botschafter Richard Holbrooke, derzeit außenpolitischer Berater Kerrys, sieht "beunruhigende Ähnlichkeiten" zum Vietnamkrieg.

Kerrys rasche Reaktion ist darauf zurückzuführen, dass er seit längerem auch von seinen eigenen Parteifreunden kritisiert wird. Kerry, hieß es vielfach, habe zu spät und zu wenig aggressiv auf die Vorwürfe von Bush und Vizepräsident Dick Cheney reagiert, er, Kerry sei zu wankelmütig ("Flip-Flopper"). Neue Berater - zuletzt Mike McCurry, der ehemalige Pressesprecher von Bill Clinton - sollen Kerry dabei helfen, seine Botschaft klarer zu formulieren.

Umfrage-Patt

Nach den beiden Nominierungsparteitagen im Juli und August scheint der Krieg im Irak wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt und die Unsicherheit der Wähler spiegelt sich in jüngsten Umfragen wider: Laut Fox News und Zogby stehen nur mehr zwei Punkte zwischen Bush und Kerry (47 zu 45). Harris sieht Kerry sogar mit einem Punkt im Vorsprung (48 zu 47). 51 Prozent der Befragten erklärten, Bush verdiene es nicht, wiedergewählt zu werden. Eine neue Gallup-Umfrage gibt Bush allerdings einen Vorsprung von 13 Punkten (55 zu 42). (DER STANDARD, Printausgabe, 18.9.2004)

Susi Schneider aus New York
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