STANDARD-Interview: Büchermuffel und Partywurm

23. September 2004, 16:30
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Christoph ist 18 und hochbegabt: Ein paar schnelle Fragen an einen schnellen Geist

Seine Frisur beweist den Individualismus, den man Hochbegabten so oft attestiert. Sonst ist Christoph Maitz ein ganz normaler Teenager - nur selbstbewusster. 2000 kam er an die Sir-Karl-Popper-Schule, schloss vergangenes Jahr die Highschool in den USA ab, hat gerade die Führerscheinprüfung bestanden und wird demnächst maturieren. Er fährt täglich um 6.30 Uhr mit dem Zug aus Stockerau nach Wien. Sein Unterricht endet manchmal um 19.15 Uhr. Sein Pensum seit Jahren: die 40-Stunden-Woche.

STANDARD: Wie hoch ist dein IQ?

Maitz: Ich habe keine Ahnung. Ich habe nie einen Test gemacht - außer beim Aufnahmetest für die Popper-Schule. Ich kenne kein Ergebnis, außer dass ich aufgenommen wurde. Ich würde gerne wissen, wie hoch er ist.

STANDARD:Ist deine Hochbegabung ein Geschenk?

Maitz: Ja.

STANDARD:Wer hat sie entdeckt?

Maitz: Mein Direktor - als ich 14 war.

STANDARD:Schock für deine Eltern?

Maitz: Sie haben nicht damit gerechnet. Dachten, dass das wieder eine neue Idee von mir ist.

STANDARD:Ist dir oft langweilig?

Maitz: Ja.

STANDARD:Bist du manchmal Außenseiter?

Maitz: Ich war einer. Im privaten Umfeld bin ich manchmal noch immer einer. Ich war früher sehr schüchtern, heute weiß ich, wer ich bin und was ich will. Wenn Leute damit nicht klarkommen, ist das deren Problem.

STANDARD:Schon als Streber beschimpft worden?

Maitz: Ein- oder zweimal.

STANDARD:Partymuffel und Bücherwurm?

Maitz: Umgekehrt: Büchermuffel und Partywurm!

STANDARD:Nerven Klischees über Hochbegabte?

Maitz: Irrsinnig. Ich sage nie jemandem: Ich bin an einer Hochbegabten-Schule, weil da wäre ich sofort stigmatisiert.

STANDARD:Guter oder schlechter Schüler?

Maitz: In welchem Fach? Schlecht in Sprachen, gut in Naturwissenschaften.

STANDARD:Angst zu versagen?

Maitz: Ja. Aber nur vor mir selbst. Ich bekomme von außen keinen Druck.

STANDARD:Drei Worte zu Pubertät?

Maitz: Schrecklich. Schrecklich. Überstanden.

STANDARD:Drei Sätze zu deiner Kindheit?

Maitz: In der Volksschule war ich gut, das sind die meisten. Ich war viel alleine und sehr selbstständig, weil beide Elternteile arbeiteten. Hochbegabung war kein Thema.

STANDARD:Kennst du Malcolm Mittendrin?

Maitz: Lange nicht mehr gesehen.

STANDARD:Gleichaltrige Freunde?

Maitz: Ja und nein. In der Schule schon, draußen ältere.

STANDARD: Hochbegabt oder nicht?

Maitz: Die in der Schule sind oft noch wesentlich begabter als ich. Sonst "normal".

STANDARD:Was machst du mit Freunden?

Maitz: Tanzen, Kino, Partys.

STANDARD:Das 10. Gebot?

Maitz: Töten ist das fünfte, das weiß ich. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut?

STANDARD:Weib. Hast du eine Beziehung?

Maitz: Nein, derzeit nicht.

STANDARD:Persönliches Motto?

Maitz: Lebe den Tag und sei, wer du bist.

STANDARD:In wie vielen Sprachen könntest du das sagen?

Maitz: Englisch, Französisch, vielleicht Latein.

STANDARD:Hobbys?

Maitz: Tanzen, Klavier spielen, Sport nur in den Ferien.

STANDARD:Klassik oder Pop?

Maitz: Pop auf Partys, zu Hause Klassik, ich bin Fan des 18. Jahrhunderts - vor allem Mozart und Beethoven. Sonst kein Ö3, eher FM4.

STANDARD:Lieblingsmodelabel?

Maitz: Levis.

STANDARD:Was ist die Abseits-Regel?

Maitz: Fußball ist nicht meine Stärke.

STANDARD:Sir Karl Popper?

Maitz: Bisschen über ihn gelesen. Das ist Ehrensache, wenn man in diese Schule geht.

STANDARD:Was liest du gerade?

Maitz: "Culture Jam" von Kalle Lasn.

STANDARD:Robert Musil schrieb?

Maitz: Musil? Sicher ein Buch.

STANDARD:Was sind deine besten Eigenschaften? Maitz: Das variiert. Ich bin selbstbewusst, Individualist, sehr sozial. Ich brauche Menschen um mich herum.

STANDARD:Was kannst du, was deine Eltern nicht können?

Maitz: Klavier spielen und Englisch zum Beispiel. Aber sie können auch einiges, was ich nicht kann.

STANDARD:Warum streitest du mit ihnen?

Maitz: Weil es Spaß macht sich auseinander zu setzen.

STANDARD:Zwei Drittel der Eier in einem Korb sind genau um fünf mehr als die Hälfte? Wie viele Eier sind im Korb?

Maitz: Das braucht ein bisschen Denkzeit. Weiter.

STANDARD:Bist du ein Autodidakt?

Maitz: Ja, in der Astronomie zum Beispiel, da google ich mich durch das Netz.

STANDARD:Was machst du am liebsten?

Maitz: Essen, nein schlafen.

STANDARD:Vorbilder, die du hast?

Maitz: Das sind keine bekannten Menschen. Einen Lehrer in den USA habe ich sehr bewundert für sein soziales Engagement.

STANDARD:In welche Rolle würdest du gerne schlüpfen?

Maitz: Es sind 30 Eier im Korb, da muss man nur nachdenken! Ich wäre manchmal gerne jemand, der noch viel intelligenter ist als ich. Oder jemand, der sehr reich ist.

STANDARD:Was würdest du mit einer Million Euro machen?

Maitz: Sehr viel kaufen. Auf der Stelle ein Ticket in die USA. Ein Auto, weil ich den Führerschein, aber kein Auto habe. Eine Wohnung, weil ich bald eine brauche. Das war noch keine Million, ich weiß.

STANDARD:Dein zurzeit wichtigste Lehrer?

Maitz: Meine Gastmutter in den USA. Jedes Telefonat stellt mein ganzes Weltbild auf den Kopf. Das ist eine blitzgescheite, auf ihre Weise hoch begabte Frau.

STANDARD:Vier Primzahlen zwischen 50 und 70?

Maitz:(lacht) Oh Gott. 53? (denkt weiter nach) 57 ist keine, Moment: 59 ist eine. 61. Es gibt vier? Dann 67.

STANDARD:Was sind schwarze Löcher?

Maitz: Auftuungen im All. Komprimierte Materie, wo Zeitstillstand vermutet wird. Zusammengefallener roter Riese und so weiter. Da weiß ich eine ganze Menge.

STANDARD:Was macht dich unsicher?

Maitz: Die Eierkorbfrage zum Beispiel. Wenn ich mir sicher bin, dass ich etwas weiß, und herauskommt, dass ich daneben lag. Das macht für nächste Entscheidungen unsicher.

STANDARD:2006 kannst du wählen?

Maitz: Sie wollen wissen wen? (lacht) Die SPÖ hat mir bis jetzt als einzige Partei alles Gute zu meinem 18. Geburtstag gewünscht.

STANDARD:In den USA Bush oder Kerry?

Maitz: Kerry, aber nur, weil ich Bush nicht mag, nicht weil seine Grundsätze viel besser wären.

STANDARD:Die beste amerikanische Eliteuniversität?

Maitz: Princeton oder Harvard.

STANDARD:Um dort was zu studieren?

Maitz: Internationales Recht in Harvard und Chemie in Princeton. Das wären meine Optionen. Aber ich werde da nicht reinkommen,weil mir die Million Euro fehlt.

STANDARD:Berufswunsch?

Maitz: International tätiger Anwalt oder Chemiker, der für internationale Projekte forscht.

STANDARD:Was macht dich glücklich?

Maitz: Die allermeisten Tage machen mich glücklich. Wenn jemand sagt, dass ich akzentfrei Englisch spreche. Und: Schokolade.

(Mia Eidlhuber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19. 9. 2004)

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    foto: standard/cremer
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