Der Mond über Soho, "light"

17. September 2004, 21:51
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Hans Gratzers und Hanspeter Horners Josefstädter "Dreigroschenoper"-Inszenierung verweigert jegliche Haltung.

Wien - Zunächst hat es Hans Gratzer als unglücklicher Kurzzeitdirektor des Wiener Josefstadt-Theaters nicht verdient, dass man eine Arbeit von ihm gegen deren Misslingen auch noch in Schutz nimmt. Seine im Verein mit Hanspeter Horner angefertigte Dreigroschenopern-Inszenierung atmet den Schminktopf-Glamour einer wurmstichigen Gangsterrevue. "Ja, da kann man sich doch nicht nur hinlegen" - das hieße: im Josefstädter Plüsch versinken. Ja, da muss man leider kalt und herzlos sein.

Bertolt Brechts und Kurt Weills Verkehrung unhaltbarer Weltverhältnisse in einen haltbaren Ganovenhimmel, über dem auch noch der Mond von Soho blinkend steht, erfordert ein zwinkerndes Nichteinverständnis. Keinesfalls verträgt sie den Versuch einer bürgerlichen Theateranstalt, sich Brechts teuflisch tückischen Spelunkenkommunismus von 1928 als samtstaubige Ausstattungsklamotte vom Leib zu halten.

Mackie Messer (Herbert Föttinger) etwa spielt den Wüstling im Nadelstreif wie den etwas magenkranken Filialleiter jener Bank, die zu gründen nach Brecht immer noch die sicherste aller möglichen Renditen verspricht. Kein Tänzeln, kein "Step" über dem Abgrund aus hochgerüsteten Bettelvölkern und industriellen Zulieferern wie Mister Jonathan Peachum.

Erregungsgeschäft

Letzterer staffiert das Lumpenproletariat bekanntlich mit Accessoires zur Mitleiderregung aus. Ihn gibt Erich Schleyer mit der sonoren Brachialität eines Sanatoriumsarztes, der vor Rolf Langenfass' Drehbühne über Krücken und Binden gebietet und im Verein mit seiner immerhin Cognac-hysterisch matronenhaften Frustfregattenfrau (Tatja Seibt) Kurtaxen einhebt. Wer heutzutage über welches Elend gebietet - wer vom realen Abflachen der Lebenseinkommenskurven am nachhaltigsten profitiert: Es wären Fragen, die man auch an ein "kulinarisches" Werk stellen darf, das die Spießerhölle in der Unterwelt maßstabsgetreu nachbildet, um "die da oben" desto zielsicherer in den erheiterten Blick zu bekommen. Das widerspricht nicht dem oben Gesagten: Brecht/Weill bereiten, beim höhnischen Wort, beim epischen Leiern der herrlichen Musik genommen, schon einen wahren Himmel auf Erden.

Sieht man vom zurückgenommenen Herzton der Spelunken-Jenny (Sona MacDonald) einmal ab, vom rauen Bellen Mackies (Föttinger), so fistelt sich das Ensemble wackelig, bei zusehends erlahmendem Animo des Orchesters (Leitung: Michael Rüggeberg), durch die vielstrophige Spur der Songs. Die allerliebste Polly (Chris Pichler) wäre wenigstens aufgrund ihrer Sprechbegabung durchaus imstande, ihrem ungetreuen Macheath ein Loch in die Weste zu deklamieren. Der Gesang hingegen scheint den Mäuschen in den Londoner Docks abgehört.

Mackies Rasselbande nimmt ihr gestottertes Maß an den Panzerknackern, Polizeichef Tiger-Brown (Martin Zauner) flüchtet sich in die spitzmündige Indigniertheit eines bananenrepublikanischen Operettenpotentaten. Und so weiter. Der Mond aber will nicht aufgehen in dieser Bettler-Oper, die als Rummel für die gehobenen Stände mit der Saturiertheit des Publikums kokettiert. Die Spiegel auf der Bühne hätten blinken müssen. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.9.2004)

Von
Ronald Pohl

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    Bilder "sexueller Hörigkeit": Mackie Messer (Herbert Föttinger) und Jenny (Sona MacDonald).

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