Falsifizieren - und verbessern

23. September 2004, 16:30
posten

Hochbegabte Kinder haben eigene Bedürfnisse - Eltern und Lehrer wissen oft nicht weiter

Wir werden oft von ratlosen Eltern konsultiert", erzählt Günter Schmid, Direktor des Gymnasiums am Wiedner Gürtel, jener Schule, in der seit 1998 auch hochbegabte Jugendliche in eigenen Klassen der Sir-Karl-Popper-Schule unterrichtet werden. Kein Wunder, denn die derzeit 162 Schüler, die mittlerweile in vier Oberstufenjahrgängen in hellen und frisch renovierten Klassenzimmern gelandet sind und von ausgesuchten Pädagogen unterrichtet werden, sind trotz ihrer IQs von 130 und darüber dort bestens versorgt. Der Lehrbetrieb in den Popper-Klassen geht sehr stark in Richtung Universitätsbetrieb (die Schüler belegen Kurse), Lehrinhalte werden beim so genannten "Contracting" am Beginn des Semesters gemeinsam mit den Schülern abgesprochen, der Unterricht ist insgesamt freier und weniger verschult gestaltet, und Lehrer sind zur permanenten Weiterbildung verpflichtet. Die Durchfallquoten? Sehr niedrig. Und die Voraussetzung? Ein bestandener Aufnahmetest, der wie ein Röntgenbild in einem rund fünf Stunden dauernden Aufnahmeverfahren das vorhandene Hochbegabten-Potenzial eines Schülers feststellt.

Was in der Popper-Schule seit 1998 eine einzige Erfolgsgeschichte ist - mittlerweile bewerben sich im Schnitt mehr als doppelt so viele Schüler, wie aufgenommen werden können -, wird von den betroffenen Familien oft als belastende Situation erlebt, da sich Hochbegabung in manchen Fällen auch mit Schulversagen und Verhaltensauffälligkeiten paaren kann, wenn auf die besonderen Bedürfnisse nicht eingegangen wird. "Viele Eltern wissen gar nicht, dass es uns gibt", sagt Christiane Wendelberger vom Begabungsförderungszentrum, einer Einrichtung des Wiener Stadtschulrates, die es erst seit zwei Jahren gibt. Sie versteht sich als Informations-und Anlaufstelle. "Die Unsicherheit ist in beide Richtungen groß", weiß Wendelberger und versucht ratlose Eltern und Lehrer zu beraten, bei Bedarf Kinder auf Hochbegabung zu testen (siehe Checkliste), zwischen den einzelnen Institutionen zu vermitteln und an Schulen vermehrt Begabtenförderung in den normalen Unterricht zu integrieren.

Und von solchen Schulen, die ein zusätzliches Angebot zur Begabtenförderung bieten, gibt es zum Glück immer mehr (Infos beim Stadtschulrat), weil beim Thema Hochbegabung ein Umdenkprozess eingesetzt hat: "Da hat sich in den vergangenen Jahren einiges geändert", sagt Wendelberger. "Mit der Begabtenförderung ab der ersten Schulstufe stehen wir erst am Anfang", sagt Direktor Schmied vom Wiedner Gymnasium. Schon jetzt ist es so, dass jedes Jahr auch Schüler der Unterstufe des normalen Gymnasiums in die Oberstufe der Sir-Karl-Popper-Schule wechseln, was beweist, dass Hochbegabung in einem dafür sensiblen Umfeld leichter erkannt wird als anderswo. Gibt es auch an der Popper-Schule Fehlentscheidungen? "Natürlich", sagt der Direktor und macht kein Hehl daraus, dass auch das komplizierte Aufnahmeverfahren für die Popper-Schule nicht immer nur Erfolge garantiert. "Wir befinden uns in einem permanenten Qualitätssicherungsprozess", sagt der Direktor und verweist gleich darauf auf den Namensgeber der bislang einzigen Hochbegabtenschule Österreichs und großen Philosophen Karl Popper - durch Falsifikation versuchen, sich ständig zu verbessern. (Mia Eidlhuber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19. 9. 2004)

Share if you care.