Quo vadis, Linzer Brucknerfest?

24. September 2004, 13:09
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Das Kulturhauptstadtjahr 2009 drängt nach schlüssigen Konzepten

Linz - Kaum war die bunte internationale Ars-electronica- Community aus dem Brucknerhaus abgezogen, wo sie seit langem ihre wichtigste Tagesheimstätte findet, kamen dort wieder die dunklen Anzüge an die Reihe: Das Brucknerfest hielt feierlich Einzug.

An den Nahtstellen zwischen den beiden Festivals waberten die Klangwolken durch den Donaupark. Peter Wolf samt Family verscheuchte mit der Schmalzproduktion sense-ation blitzartig sämtliche Arsianer, Dennis Russel Davies hob eine Woche später mit Mahlers Achter ins Klassikuniversum ab. Die vom Bundespräsidenten abwärts allgemeine Unklarheit darüber, wohin die visualisierte Klangwolke nun eigentlich gehörte, rührt daher, dass sie im Rahmen der Ars stattfindet, aber vom Brucknerhaus konzipiert und verantwortet wird.

Das ficht zwar die Leute draußen nicht an, wohl aber die Veranstalter und Experten, da sie völlig unterschiedliche Vorstellungen darüber haben, was mit dem Ding in Zukunft geschehen soll.

Das ist keine unwesentliche Frage, denn Linz feiert den Herbst 2004 gleich mehrfach: 30 Jahre Brucknerhaus, 30 Jahre Brucknerfest, 25 Jahre Ars, und nicht zuletzt noch knappe 5 Jahre bis 2009, dem magischen Jahr, in dem eine "Kulturhauptstadt" in das Blickfeld Europas gerückt werden soll. Die Bundes- und Landespolitiker sind sich darin einig, dass dann die kulturelle Offenheit von Linz, die Experimentierfreudigkeit, vor allem aber die gebündelten medialen Kompetenzen in Stadt und Land die eigentlichen Trademarks von Linz ausmachen müssten. Was aber bedeutet das für die Positionierung von Klangwolke und Brucknerfest?

Crossover? Die Offenheit des Brucknerfestes wurde in den letzten Jahren vor allem als Crossover interpretiert. Man konnte von Bruckner zu Muthspiel switchen, von der Orgel zum Tanzgeiger, oder von Wim (van Zutphen) zu Wagner. Ein mehr oder weniger willkürliches Nebeneinander von Angeboten mit dem Ziel, unterschiedliche Zielgruppen (vor allem jüngere) anzusprechen.

Das ist freilich nicht unriskant, denn wo viele Stühle sind, gibt es auch viele Zwischenräume. Die einen vermissen glanzvolle internationale Orchesterkonzerte, der anderen fehlt der Mut zu mehr zeitgenössischer Musik, dritte wollen wahrscheinlich mehr Wolf. Das Werk Anton Bruckners und der Dirigent Dennis Russel Davies garantieren zwar starke, qualitativ hochwertige personelle Kontinuitäten; Eine eigene Identität des Festivals hat sich allerdings noch nicht herauskristallisiert. Der brillante Julian Rachlin mit seinem Wunschkonzertprogramm, Thomas Hampson mit den Wiener Virtuosen, die Muthspiels oder die Camerata spielen von Dornbirn bis Eisenstadt dieselben Programme, und die Tourneeorchester liefern die ihrigen bekanntlich mit äußerst geringer Flexibilität ab.

Viele warten also gespannt auf den 26. September, auf die oft beschworene Verbindung von Tradition und zukunftsweisender moderner Technologie - auf Richard Wagners Rheingold, visualisiert vom Futurelab des Ars-electronica-Centers. Johannes Deutsch soll dafür sorgen, dass auch die Ästhetik im Sinne eines modernen Gesamtkunstwerkes zukunftsweisend ist.

Interaktiv wird die Musik bzw. der Dirigent Dennis Russel Davies die virtuelle, dreidimensionale Götterwelt steuern, womit neue Aufführungspraktiken erschlossen werden. Wohin, wird sich zeigen. Sollte das Manöver gelingen, hat zweifellos auch das Brucknerfest eine seiner möglichen, unverwechselbaren Linien in Richtung 2009 gefunden. Für die Klangwolke und andere Programmlinien ist Ähnliches noch ausständig. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.9.2004)

Von
Reinhard Kannonier
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