"Ich wünsche Input"

23. September 2004, 16:30
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Gefährdete Außenseiter? Elitäre Sonderlinge? Die Frage, was unsere Gesellschaft für Familien und Bildung leistet, wird prekär bei hochbegabten Kindern

Hochbegabte haben einen ausgeprägten Sinn für Humor, heißt es. Man stelle sich also - kompliziert wird's später - folgende Szenen aus einer imaginären Komödie mit dem Titel Die Giraffe vor: Sohn (4) kommt aus Kindergarten nach Hause. "Und? Wie war's?", fragt die Mutter. Die eher gelangweilte Antwort: "21 Fische im Aquarium, 153 Bilderbücher im Regal, 23 Mappen für Lehrbedarf, 2 Poster, 17 Zeichnungen an der Wand." "Und wo warst du?" "Den ganzen Tag hinter dem Aquarium. Mir war fad."

Oder: Schauplatz - eine U-Bahn-Station. Zug fährt ein. Sohn (3), beim Einsteigen: "Das ist derselbe wie in der Früh." "Na klar", sagt der Vater: "Wir fahren immer mit demselben Zug nach Hause." "Nein: Schau einmal auf die Nummer des Waggons. . ."

Spricht man mit Eltern von Hoch- und Höchstbegabten, dann tut sich ein Kosmos skurriler Weltbetrachtungen auf, für den man gern ein paar Bücher des Hirnforschers Oliver Sacks hintanstellen kann. Kleinkinder, die ihre Eltern anflehen, doch ja wieder denselben Bundespräsidenten zu wählen: "In den letzten fünf Jahren seiner Regentschaft war kein Krieg. Der kann Kriege verhindern!" Kinder, die beim Spiel, über den Legobaukasten gebeugt, über die Bruttosozialprodukte der westlichen Welt philosophieren. Ein Vorschüler, der sich in ein wissenschaftliches Werk für Apfelzüchter vertieft. Eine Mutter, die mit ihrem Kleinkind auf die andere Straßenseite "fliehen muss", weil das Kind sonst die jüngste Krone-Schlagzeile (in etwa: Frau zerhackt aufgefunden) lesen könnte. . .

Aber halt. Sinn für Humor hin oder her - hört sich hier der "Spaß" nicht schon längst auf? Wie jedes gute, auf den ersten Blick "skurrile" Ausgangsmaterial für Witze und Anekdoten ist die Situation von Hochbegabten, und nicht zuletzt die ihrer Familien und Lehrer zuallererst eine Manifestation von Überforderung.

Als "Schicksalsschlag" bezeichnet eine betroffene Mutter mit durchaus liebevoller Ironie im Gespräch mit dem STANDARD die Tatsache, dass ihr Sohn von frühester Kindheit an in jeder Hinsicht (nicht zuletzt intellektuell) besonderer Unterstützung und Hege bedurfte. Sehr bald galt es vermehrt Bedacht auf seine Bedürfnisse und Ängste zu nehmen, Fluchtversuche ins Einzelgängertum (nur nicht als "besonders" auffallen) abzubiegen, ihn mit dem auszustatten, was er braucht: "Ich wünsche Input."

An eine eigene Berufskarriere ist angesichts solcher Mehrbelastung vor allem für die Mütter nicht zu denken: Nicht nur auf latent durch Vernachlässigung gefährdete Geschwister eines Hochbegabten ist Bedacht zu nehmen. Auch die in Österreich noch immer weitgehend im Argen liegende Frage der Spezialausbildung für Hochbegabte fordert den Eltern ein gerüttelt Maß an Eigeninitiative ab. Sehr verbreitet ist ja das Vorurteil, dass "Begabte" und erst recht "Hochbegabte" ja ohnehin mit einer Sonderausstattung fürs Leben, also privilegiert seien. Schnell kommt dann der Ratschlag aufs Tapet, man möge doch - Modell: Eislaufmutter - keinem elitären Dünkel huldigen.

"Regelschulen kommen Hochbegabten durchaus entgegen. (. . .) Ich glaube an die Teilleistungsstärken und nicht an das Universalgenie, das seit Leonardo oder spätestens seit Leibniz unerreichbar ist." - Mit solchen Einwänden, und damit auch Kritik an raren Begabtenförderungsprojekten wie der Sir Karl Popper Schule hat der Wiener Psychiater Max Friedrich vermehrt Reaktionen ausgelöst, wie jene einer anderen Mutter, die im Gespräch mit dem STANDARD meint: "Meist sind die Lehrer in den Regelschulen für das erforderliche Ausmaß an mehr Dialog und Zuwendung gar nicht ausgebildet."

Wohlgemerkt: Die Rede ist von intellektuell Hochbegabten - in einer Effizienzgesellschaft, die Einzelnen in gewissen Spezialbereichen sehr wohl herausragendes Talent und damit eine entsprechende Förderung zugesteht. Bei einem Spitzenskifahrer wird es hierzulande auf Dauer logisch erscheinen, in seine Begabung entsprechend zu investieren. Musikalische Wunderkinder: Traditionell bringt man ihnen ausreichend Bewunderung entgegen, und es hat entsprechend Tradition, dass man ihnen eine Sonderrolle zugesteht.

Die intellektuell Hochbegabten hingegen, nicht selten auf den ersten Blick als altklug, renitent, "schwierig" verschrien, haben es da mit der Akzeptanz ihrer Bedürfnisse und Vorlieben wesentlich schwerer. Brigitte Palmstorfer, als Volksschullehrerin und im Wiener Stadtschulrat speziell mit Begabtenförderung befasst, meint: "Man kann das ja durchaus mit den sportlich Hochbegabten vergleichen. Die werden dick und lästig, wenn sie ihre überbordenden Energien nicht austoben können." Auch der unterforderte intellektuelle Hochbegabte flüchte sich - "aggressiv, Klassenkasperl, betont schlechte schulische Leistungen" - in Verhaltensmuster, die meist vor allem ihm selbst schaden. Oft, so Palmstorfer, auch körperlich: "Mädchen etwa entwickeln nicht selten Magersucht. Und wenn dann noch Symptome wie Bettnässen oder schwerer Waschzwang auftauchen, dann meinen viele Psychologen halt: Schuld daran seien die ehrgeizigen Eltern oder dass man das Kind eine Klasse überspringen hat lassen." So stehen Zögling und Eltern nicht selten von innen (der privaten Ausnahmesituation) und außen (scheele Blicke von Experten, Neid, Häme) unter Druck. Entsprechend gereizt werden dann Argumentationen vorgetragen, was wiederum an der Schieflage der Gesamtsituation kaum etwas ändert. Eine "Szene", in der sich Betroffene austauschen könnten, gibt es selbst in Wien, wo - ausgehend auch von der Popper Schule - eine im Vergleich zu den Bundesländern durchaus privilegierte Situation herrscht, immer noch nicht.

Einmal mehr bildet sich gerade in einem Randbereich ab, was eine / unsere Gesellschaft in essenziellen Bereichen wie Familie und Bildung zu leisten vermag - oder auch nicht. Es scheint heute relativ einfach, mit den Begriffen "Förderung" und "Unterstützung" zu operieren, wenn Defizite (etwa bei Behinderten) auf der Hand liegen. Was aber, wenn das System selbst unter Defiziten leidet, starr und unbeweglich auf Abweichungen reagiert, die aus der "normalen" Perspektive "sonderbar" erscheinen? Ein Vater erzählt, wie seinem Sohn monatelang der rettende Sprung in eine höhere Schulklasse verweigert wurde: "Er kann so wunderbar vorlesen", soll die Lehrerin, durchaus angetan, gesagt haben. "Warum sollte ich ihn da nicht bei uns behalten und ihm den Klassenwechsel, noch dazu zu Älteren, die ihn erst recht nicht akzeptieren, antun?" Dies bringt uns wieder zurück zu unserem eingangs imaginierten Film Die Giraffe. "Schafe und Giraffen" - ein offenbar beliebter Vergleich in einem Bildungsbiotop, in dem Hochbegabte mit ihrer Neigung zu systemischem Denken irgendwann einmal vereinsamen. Brigitte Palmstorfer: "Das, was sich auf der Kopfebene abspielt, das können sie nur ,da oben' machen, und da sind ihnen die anderen stinklangweilig - und sie wiederum sind also für die anderen auch unerträglich." Was nicht bedeuten müsse, dass die "Giraffen" zu asozialem Dasein verdammt sind.

"Die soziale Entwicklung der Kinder", so Palmstorfer, "zieht nach, wenn sie ,Futter' bekommen. Sie funktioniert nicht über erzwungene soziale Anpassung. Sie kann nur wachsen, wenn die intellektuelle Entwicklung gefördert wird. Man muss die Leute davon wegbringen, in Alterskisten und Klassen, in denen man eben das und das zu lernen hat, zu denken. Man kann etwa die Grundschule de jure in drei Jahren machen, de facto machen es aber nur ganz wenige. Es wäre wichtig, dass das allgemein selbstverständlicher wird - dann entfiele auch viel Druck auf alle Beteiligten."

Derzeit ist dieser Druck offenkundig immer noch viel zu groß. Und selbst in den Optimismus der Humorbegabten mischt sich manchmal Sorge, "dass mein Kind verreibt, vereinsamt. Immerhin: Gestern ist mein elfjähriger Sohn zum vierten Mal in Fahrenheit 9/11 gegangen. Michael Moores Witz findet er super. Stellen Sie sich die endlosen Debatten vor, die wir gegenwärtig zuhause über die US-Wahlen führen ..."(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19. 9. 2004)

Beobachtungen von Claus Philipp
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