Lug und Trug als nötige Fähigkeiten

20. September 2004, 18:15
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Das Philosophicum Lech zu Wahrheit und Lüge

Philosophieren ist die Infragestellung von Gewissheiten. Wir sind zum Beispiel sicher, dass Wahrheit gut und Lüge schlecht ist. Doch woher wissen wir das? Stimmt es mit unserem Handeln überein? Und wer sagt uns, was wahr und was gelogen oder sonst wie falsch ist? Diese und mehr Fragen zu erörtern, ist die allherbstliche Lecher Zusammenkunft umso geeigneter, als ja die Philosophie als eine besonders geeignete Instanz gilt, Wahres von Falschem zu unterscheiden. Das laufende achte Philosophicum (Titel: "Der Wille zum Schein. Über Wahrheit und Lüge") bietet den Zuhörern Gelegenheit, Denker beim Erörtern des Problems zu verfolgen - und sie in Frage zu stellen.

Die Rolle der Medien

Organisator Konrad Paul Liessmann lud gleich zu einem seiner erstaunlichen Parforceritten ein. Er begann mit Nietzsches Verteidigung von Lug und Trug als zum Überleben notwendigen Fähigkeiten, sprang zurück zu Sokrates, der schon den listig täuschenden Odysseus höher eingeschätzt hatte als Achilles, der "bloß wahrhaft" gewesen sei. Mit Augustin brachte Liessmann das Moment der Wahrhaftigkeit ins Spiel, mit Kant das der Notlüge (Kant war dagegen), mit Schopenhauer die Motivation ("dem anderen den eigenen Willen einreden - die feinste Form der Lüge"). Das Panorama endete im Irak und der Rolle der Medien. Diese brachte auch Landeshauptmann Herbert Sausgruber in seiner Eröffnungsrede ins Spiel: "Berichten sie vollständig (das können wir hier nicht und verweisen auf den Philosophicum-Band im Frühjahr) oder verfälschen sie (das wollen wir doch nicht hoffen)?"

Simone Dietz (Düsseldorf) erörterte die moralische Dimension der Diskussionstopoi mitsamt der Grauzone von Täuschung, Floskeln, Heuchelei und dergleichen. Sie untersuchte mögliche Argumente, die a priori nicht verwerfliche Lüge - "eine verdeckt unwahrhaftige Behauptung, die bestimmten weiter reichenden Absichten dient" - abzulehnen. Vertrauen und Wahrheit liegen ihr zufolge nahe, reichen aber bei genauem Blick per se nicht aus. Sehr wohl aber die Kategorie der Freiheit. Die Lüge sei, verkürzt ausgedrückt, ein Angriff auf die Freiheit des Belogenen.

Sepp Mitterer (Klagenfurt) führte buchstäblich en passant (er ging mit Drahtlosmikro auf der Bühne spazieren) eine furiose Dekonstruktion wissenschaftlicher Gewissheiten vor. Wie wir per Zufall in einer philosophischen oder naturwissenschaftlichen, allein selig machenden Lehre landen können, das klingt wie Paul Feyerabend im Kabarett und dürfte sich wohl auch so abspielen. Irrtümer erkennen wir erst, wenn wir schon woanders sind, in den Irrtümern von morgen. Schon in der Schule lernen wir, was wahr und was falsch ist, immerhin noch von einer erkennbaren Instanz. Die Instanzen im Wissenschaftsbetrieb aber sind nicht zu erkennen, oder sie sind im Streit miteinander und daher keine mehr.

Dem Symposium vorgeschaltet war das Siemens-Impulsforum "Mit der Wahrheit zum Erfolg?" Ministerin Gehrer sprach davon, sich in Artikeln von "Journalisten, die Politik machen", nicht wieder zu erkennen. Gudrun Harrer, Außenpolitikleiterin des STANDARD, verwies auf die zumindest kurzfristig erfolgreichen Desinformationsmanöver der US-Regierung im Irak und im Wahlkampf.

Langfristige Niederlage

Aufdecker Günter Wallraff beschrieb den erlogenen Erfolg, "der einem Recht gibt - etwas Entsetzliches", als langfristige Niederlage. Und DaimlerChrysler-Manager Michael Inacker warnte davor, Unternehmen immer als Sündenböcke und machtgeile Verdreher hinzustellen. Die gebräuchlichste Gelegenheit zur Lüge aber wurde von Siemens-Manager Franz Geiger vorgeführt: als Antwort auf die Frage, mit der er seine Eröffnungsrede begann, Worte, die als allererste an diesen Lecher Tagen fielen: "Wie geht's?" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19. 9. 2004)

Von Michael Freund aus Lech
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