Vorarlberg – Paradies der Waren

26. September 2004, 18:26
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Über schlaue Schnecken und das lange Warten von Asylwerbern im "Ländle" - ein Kommentar der anderen von Wolfgang Hermann

Vor zwei Jahrzehnten gab es ein paar kleine Spar und Adeg und Coop und unzählige kleine Lebensmittelgeschäfte, Familienbetriebe, die den Namen ihres Betreibers trugen. Im Dornbirner Rohrbach gab es den Hausberger und den Kleinbrod, wo man an einem Süßigkeitenautomat ein großes Rad drehen konnte, dass die durch ein Fenster lockende Süßigkeit nach Einwurf der Münze in den Entnahmeschlitz fiel. Nach der Schule beeilten wir uns, um endlich an diesem Rad drehen zu dürfen.

Prosperierend

Der Dornbirner Rohrbach ist heute ein prosperierendes Gebiet. Wo damals Brachflächen lagen, drängen sich Kleinwohnanlagen, auf den Vorplätzen streuen Kinder ihre Spielsachen. Kleinbrod samt Süßigkeitenautomat ist verschwunden. Unweit davon wurde eben ein neuer Sutterlüty-Großmarkt eröffnet, der den Süßigkeitenautomat von damals in den Schatten stellt. Aus dem Schatten dämmert die Sehnsucht nach dem Automat von damals.

Autoland statt Haselnusshölzern

Der verschlafene Rohrbach, wo wir in den Achwäldern unsere Bogen aus Haselnusshölzern, die Binsen für die Pfeile im Schilf des Sumpfgebiets schnitten, ist Autoland geworden. Damals kam eine Schnecke unbehelligt über die Rohrbachstraße. Die Schnecken von heute sind klug genug, es nicht zu versuchen.

Die Karawane der von ihren Müttern in rostfreien Wagen von der Spielgruppe zur Musikstunde, von der Musikstunde zur Klettergruppe gefahrenen Kinder reißt nicht ab. Ein unbegleitetes Kind, eine Gruppe von Kindern, fröhlich in einer Wiese tollend, die Spuren davon im Gesicht und auf den Kleidern, ein seltener Anblick, der mir das Herz wärmt.

In die Schweiz - von der Schweiz

Wir fuhren damals hinüber in die Schweiz ins Einkaufszentrum Rheinpark, wenn wir am Paradies der Waren Anteil haben wollten. Heute kommen die Schweizer zu uns ins Einkaufszentrum Messepark, denn das Paradies ist hier für sie billiger. Weitum ist die Nähe des energetischen Pols Messepark durch stockenden Verkehr spürbar.

Nichts als Peripherie

Es scheint, als bündle sich hier ein Großteil aller Energien landauf, landab. Das Erscheinungsbild des ganzen Rheintals gleicht dem der Peripherie der großen Städte. Bloß ist die Stadt abwesend. Es bleibt nichts als Peripherie. An hundert Knotenpunkten stockt der Verkehr, zähflüssig windet er sich durchs Rheintal, vorbei an Schlecker und Billa, an Spar und Lidl und Psychotherapiepraxen.

Überall im Irgendwo

Im Schritttempo bleibt Zeit, mit anderen zu telefonieren, die ein Stück weiter im Schritttempo unterwegs sind. Auf der Stadtstraße kommt das Gefühl Stadt nicht auf. Zu sehr erinnert das Würfel-Hier, Würfel-Da an zugige Überall-Vorstädte in Irgendwo-Stadt, zu sauber für Amerika, nicht sauber genug für die Schweiz. Die Stimmung in diesen Spätsommertagen vor der Wahl? Politiker lächeln an jeder Ecke von mehrfarbigen Plakaten.

Großes Versprechen in zugigen Zeiten

Die ÖVP hat das Kassengeld erkämpft, die Wohnbauförderung gesichert, garantiert Sicherheit und dafür, dass alles bleibt, wie es ist. Das ist ein großes Versprechen in zugigen Zeiten, in denen ein Unternehmensführer mit Sprüchen wie diesen weggefegt würde. Kein Wort davon, dass der Vorarlberger im Durchschnitt mehr als die Hälfte seines Einkommens für Miete ausgibt.

Kein Wunder, dass früher oder später jeder hier eine Wohnung kauft oder sein eigenes Haus baut. Womit er mit Immobilienpreisen konfrontiert wird, die man sonst nur in Großstädten zahlt. Auch die Baukosten liegen weit über dem Durchschnitt. Kein Wort über Immobilienpreise und Baukosten seitens der Regierungspartei, die über beste Kontakte zur Bauindustrie verfügt. Kein Wort davon, dass die Landesregierung ihr Soll an Flüchtlingsaufnahme bei weitem nicht erfüllt.

Warten seit vier Jahren

Ich kenne eine afghanische Flüchtlingsfamilie, die seit vier Jahren darauf wartet, hier in Ruhe leben und arbeiten zu dürfen. Der Mann arbeitete als Krankenpfleger ohne Gehalt im Krankenhaus. Selbstverständlich erwarteten die Kollegen von ihm, dass er auch am Sonntag seinen Dienst tut. Unentgeltlich. Er erklärte, er habe Frau und Kind, die ihn brauchen. Das zweite Kind ist unterwegs in die Ungewissheit, wie es weitergehen soll.

Befriedete Zone

Das ist nur ein Flüchtlingsschicksal in diesem Paradies der Waren. Die Landesregierung will in den nächsten Jahren verstärkt in den Straßenbau investieren. Damit der Stau ein Ende hat, soll möglichst das ganze Rheintal zur Straße werden. Vorarlberg ist eine befriedete Zone. Es herrscht allgemeiner Wohlstand, erkennbar an der endlosen Karawane rostfreier Leasing-Wagen. Alle Probleme wurden gelöst oder werden gerade angepackt, erkennbar an den ÖVP-FPÖ-Wahlplakaten.

Träume in Holz und Glas

Träume werden in Holz- Glas-Architektur verwirklicht, für die das Land mittlerweile berühmt ist. Erfolgreiche Werber und weniger erfolgreiche Erben beschäftigen formbewusste Architekten, die ihnen ihren Traum vom Designerhaus mit Blick übers Rheintal verwirklichen. Für einen Betrag, mit dem man in anderen Teilen Österreichs drei Häuser hinstellt. Kann es sein, dass wir alle dieselben amerikanischen Filme gesehen haben, in denen die Jungs aus Langweile und Ratlosigkeit ins Auto steigen und einfach drauflos fahren? (DER STANDARD, Printausgabe 18./19.9.2004)

Zur Person

Wolfgang Hermann ist Schriftsteller ("Das Gesicht in der Tiefe der Straße").

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