Kreml: Moskau wollte Forderungen der Geiselnehmer erfüllen

17. September 2004, 17:49
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Austausch von Kindern gegen inhaftierte Rebellen war vorgesehen - Untersuchungsausschuss will Putin vorladen

Moskau - Die russische Regierung hat nach Kreml-Angaben während des Geiseldramas von Beslan die Forderung der Kidnapper erfüllen wollen, 30 tschetschenische Rebellen freizulassen. "Wir waren bereit, ihnen ihre Leute zu übergeben und jeden von ihnen gegen viele Kinder einzutauschen", sagte der Kreml-Berater Aslambek Aslachanow am Donnerstag in Moskau.

Er hatte während der Geiselnahme drei Mal telefonisch mit dem Überfallkommando gesprochen. In "weniger als 24 Stunden" hätten die Gefangenen versammelt werden können. Am 2. September, dem zweiten Tag der Geiselnahme, habe Präsident Wladimir Putin der Überstellung der Gefangenen zugestimmt. "Der Präsident sagte zu mir: 'Tu alles, damit es kein Blutvergießen gibt!'".

Abzug der russischen Truppen

Der Kreml-Berater bestätigte auch die weiteren Forderungen der Geiselnehmer: den Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien und die Anerkennung der Unabhängigkeit der Kaukasusrepublik. Mehr als 700 Menschen - "Politiker, Künstler und vor allem Sportler" - seien bereit gewesen, für die Geiseln einzuspringen, sagte Aslachanow. "Aber was passiert ist, ist passiert, es war bereits zu spät."

Putin verteidigte unterdessen die Ablehnung von Verhandlungen mit Tschetschenenführern während der Geiselnahme. El-Kaida-Chef Osama bin Laden habe Europa bereits zwei Mal Verhandlungen angeboten, doch niemand wolle mit ihm verhandeln, sagte er in der kasachischen Hauptstadt Astana. "Das sind Menschen, mit denen man nicht reden kann."

Neue Hintergründe

Ein Mitglied des Krisenstabes enthüllte in der Internetzeitung "gazeta.ru" neue Hintergründe zum blutig zu Ende gegangenen Geiseldrama, bei dem nach offiziellen Angaben 339 Menschen ums Leben kamen, unter ihnen 156 Kinder. "In jedem Lehrbuch zum Anti-Terror-Kampf steht, man solle die Geiselnehmer überzeugen, dass es keinen Angriff gibt und gleichzeitig einen Angriff vorbereiten", sagte der Mann. "In Beslan haben wir das Gegenteil gemacht. Wir haben den Geiselnehmern gesagt, es werde einen Sturm auf die Schule geben, wir hatten ihn nur noch nicht vorbereitet."

Nervös geworden

Die Vertreter des Krisenstabs hätten im Fernsehen die Zahl der Geiseln mit 354 als zu niedrig angegeben, obwohl sie gewusst hätten, dass die Geiselnehmer Fernsehen schauten. Dadurch seien die Täter nervös geworden: Sie hätten gedacht, mit der zu niedrig angegebenen Zahl solle ein Angriff vorbereitet werden. Diese Einschätzung sei noch dadurch verstärkt worden, dass die Behörden die Forderungen der Geiselnehmer nicht veröffentlichten.

Untersuchungsausschuss will Putin vorladen

Der Untersuchungsausschuss des russischen Oberhauses zur Geiselnahme von Beslan erwägt auch eine Befragung des russischen Staatschefs Wladimir Putin. Wenn eine Anhörung Putins aufgrund der Tatbestände notwendig sei, sei die Kommission dazu bereit, sagte der Ausschussvorsitzende Alexander Troschin am Donnerstag im Radiosender Moskauer Echo. "Ich schließe auch nicht aus, dass der Präsident selbst die Kommission treffen möchte", fügte er hinzu.

Putin hatte nach der Geiselnahme in einer Schule in Nordossetien vor zwei Wochen zunächst eine öffentliche Untersuchung ausgeschlossen. Schließlich beauftragte er jedoch den Föderationsrat, das russische Oberhaus, mit der Untersuchung. Der Ausschuss soll am Montag offiziell eingesetzt werden. Auch das Unterhaus kündigte am Donnerstag die Bildung eines Untersuchungsausschusses an. (APA)

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