17.9.: "Schulbuch­aktion" - von Christine Nöstlinger

20. September 2004, 13:26
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In ihrem Vortrag im "Depot" sagt die weltberühmte Jugendbuchautorin einfach Nein zum Austrokoffer - Kommentar der anderen

"... eine Art Schulbuchaktion für erwachsene Bisher-nicht-Leser ..." Christine Nöstlinger kann mit "gemeinsamer" Österreichkultur nichts anfangen, hofft aber auf mehr Konfliktkultur und auf baldige Beendigung des "Autoren-Hickhacks" - und sagt einfach Nein zum Austrokoffer.


Der Ankündigung zu dieser Veranstaltung entnehme ich, dass anlässlich des dräuenden Jubeljahres "staatliche Institutionen allenthalben Identitätskampagnen ankurbeln und Parolen ausgeben, die uns eine gemeinsame nationale Kultur weismachen" sollen, dass sie versuchen, mit einer "konstruierten Identität Loyalität in politischen und ökonomischen Fragen einzufordern."

Wird wohl so sein, aber - halten zu Gnaden - es ist mir bisher irgendwie entgangen. Wahrscheinlich, weil ich mir bereits in meiner Kindheit eine dicke, porenfreie Haut habe wachsen lassen, durch die nichts von dem eindringen konnte, was an nationalen Parolen, die damals nationalsozialistische waren, auf mich abgefeuert wurde. Einem Kind einer antifaschistischen Familie in der Ostmark blieb gar nichts anderes übrig, als die Indoktrinierungen und Manipulationen der Machthaber nicht zur Kenntnis zu nehmen, wenn es daheim nicht gröbere Konflikte auszutragen gedachte. Wir waren eben keine Deutschen, wir waren nicht mal Ostmärker, wir hatten mit der herrschenden Bagage nichts, aber schon gar nichts "gemeinsam".

Wer aller wir waren - über Mutter, Großeltern und fernen Russland-Vater hinaus - war mir nicht ganz klar. Aber ein paar Menschen kannte ich doch, die ich zu wir zählte. Ein ziemlich buntes Kleingrüpplein war das. Der Nuss-Bazi, ein Tischler und alter Spanienkämpfer, die Janda, eine Kindergartenwärterin, die gern vom g'scheiten und vom blöden Josef redete, womit sie den Stalin und den Goebbels meinte, die Frau Dolnicek, die vor dem Jahr 1934 Die Unzufriedene an weibliche Mitglieder der Sozialistischen Partei ausgetragen hatte, und die alte gnä' Frau Baronin, die hin und wieder bei der Milchfrau ihren silbernen Krückstock schwang und anfragte, wann dieser verdammte Krieg endlich verloren sein werde.

Mit der Zeit kapierte ich dann, dass nicht alle, die ich im Kopf unter wir versammelt hatte, auch Wir-Menschen im Sinne meiner Familie waren. Weil es erstens auch "rechte" Regimegegner, wie die Frau Baronin, gab und zweitens ein bissl zu linkslinke, wie die Stalin-Verehrerin Janda. Das störte mich aber kaum, weil ich vom Großvater wusste, dass es Millionen Menschen gibt, die denken wie wir, aber es genauso wenig wie wir laut sagen können, wenn sie nicht ins KZ kommen wollen.

Oft, wenn ich durch die Gegend strawanzte, schaute ich mir die entgegenkommenden Erwachsenen genau an und taxierte sie auf Wir-Zugehörigkeit. Ich glaube, ich verteilte mein "Gütesiegel" ziemlich großzügig, weil ich ja nicht in Feindesland, sondern in Freundesland leben wollte. Dann war der Krieg und damit die NS-Zeit zu Ende, und ich - damals neun Jahre alt - war mir sicher, dass nun künftig wir bestimmen werden, wie Menschen miteinander umzugehen und füreinander da zu sein haben. So ein richtiges, schönes, kleines Demokratieparadies malte ich mir aus.

War aber leider nix damit! Und von da an war mir jegliches Wir suspekt, das mehr als ein paar Freunde oder Verwandte einschloss. Und so ist das bis heute bei mir geblieben. Ich gehöre nirgendwo dazu, ich tauge nicht fürs Gemeinsame und kann mich nur punktuell für ein konkretes Anliegen solidarisch zeigen. Aber selbst dann verliere ich bald die Geduld, wenn zu heftig "gemeinsam statt einsam" gefordert wird.

Und was nun "gemeinsame Kultur" angeht: Ich lebe seit 45 Jahren mit ein und demselben Mann - und zwar gerne - zusammen, aber nicht einmal mit dem habe ich eine "gemeinsame Kultur". Auch von meinen klugen Töchtern könnte ich das nicht behaupten. Vielleicht gibt's ja irgendwo einen Kulturzwilling von mir, aber kennen lernen werde ich den wohl nie, es steht mir auch nicht der Sinn danach.

In Sachen "gemeinsame Kultur" mag ich allerhöchstens einem alten Freund zu-

erwachsene Bisher-nicht-Leser . . ." stimmen, der bei jeder Gelegenheit gern mit erhobenem Zeigefinger zu sprechen pflegte: "Aus dem Kulturkreis des christlichen Abendlandes kannst du nicht austreten!"

Soll sein! Aber genauso wenig kann ich diesem komischen "Wir Österreicher"-Verein beitreten. Es mangelt mir an allem, was da zur Mitgliedschaft erforderlich wäre.

Ich bin nun einmal nicht "stolz" auf Österreich. Nicht einmal, wenn ein Sportler eine Goldmedaille gewinnt. Ich schäme mich auch nicht für Österreich, wenn dessen Bürger die Freiheitlichen ans Regieren bringen. Ich entwickle keine Beistandsgelüste gegen EU-Sanktionen. Ich finde es nicht als peinlich, wenn eine Politikerin erklärt, wie eine Löwin für Österreich gekämpft zu haben, und ich zucke resigniert die Achseln, wenn fast die Hälfte der Bürger des Landes darob schwer begeistert ist. Und geht es um die Veränderung der Gesellschaft zum Besseren hin, in kultureller, politischer wie ökonomischer Hinsicht, mangelt es mir auch an dieser "Österreicher zuerst"-Mentalität. Und wenn mich im Ausland wer fragt, woher ich komme, sage ich auch nie "I am from Austria". Aus Wien komme ich, sage ich. Und das keineswegs absichtlich, es liegt mir einfach fern, mich als Österreicherin zu sehen.

Dass ich, mit solchem Bewusstsein, einer Minderheit angehöre, ist mir klar. Weniger klar ist mir nach wie vor, warum die Mehrheit im Lande auf die "Wir Österreicher"-Parolen so flugs und ung'schaut hereinfällt. Na sicher, da gibt es jede Menge Erklärungen und Entschuldigungen dafür, warum Menschen aus ihrer Unmündigkeit, ob selbst verschuldet oder nicht, nicht herauswollen, sondern sich behaglich in ihr einrichten, die Krone lesen, "Musikantenstadl" schauen und Glücksgefühle entwickeln, wenn eine oder einer, oder gar elf, "für Österreich" irgendwas gewinnen.

Aber so ganz reichen mir all diese Erklärungen und Entschuldigungen nicht, da bleibt bei mir trotz des bemühten Versuchs um Verständnis der möglicherweise arrogante Vorwurf: "Gar so blöd müssten sie auch wieder nicht sein!"

Bis vor ein paar Wochen war ich felsenfest davon überzeugt, dass die aktuellen "staatlichen Institutionen" von Autorinnen und Autoren keine Loyalität einfordern und keine Versuche unternehmen, sie zu vereinnahmen. Denen, dachte ich, sind Leute wie ich schnurzpiepegal. Die wollen nicht mehr von mir, als dass ich brav meine Steuern und meine Sozialversicherungsabgaben zahle, und sie hoffen, dass ich - pensionslose Person - bis zu meinem Lebensende genug verdiene und nicht dem Sozialamt zur Last falle.

Denn die Leute, die jetzt hierzulande regieren, dachte ich, haben genug Realitätssinn, um zu wissen, dass von den anerkannten Schriftstellerinnen und Schriftstellern niemand bereit ist, ihr Wirken und Werkeln zu rühmen. Und die paar kärglichen, erfolgreichen Versuche, einen Schriftsteller zum Beistand in dieser oder jener unguten Sache zu bewegen, haben nur dem Image des dazu bereiten Schriftstellers geschadet, aber kein bisschen der staatlichen Institution genützt.

Doch nun gibt es das Projekt Austrokoffer, und ich muss das alles wohl etwas anders sehen! Ich weiß ja wirklich nicht, wem die Idee zu diesem unsäglichen Koffer zuerst gekommen ist. Schüssel? Nenning? Dichand? Morak? Oder dem Verlag, der nach den Fördermitteln gierte? Aber jedenfalls ist sichtlich keiner im Quintett auf den Gedanken verfallen, dass nicht jede und jeder in den Koffer hineinwollen könnten.

So nach der Devise halt: "Aber geh! San doch immer froh, die Dichter, wenn's gedruckt werden!" Sozusagen Einvernahme durch Ignoranz.

Und jetzt? Na, jetzt samma halt ein bisserle baff, dass das net wie g'schmiert einegeht, und wohl nix draus wird!

Ich hätte einen Tipp für die Koffer-Bastler! Vielleicht könnte man das Projekt per gesetzliche Verordnung noch hinkriegen. Etwa nach dem alten Muster der nicht mehr gültigen Verordnung, dass Autorentexte ungefragt für österreichische Lesebücher genommen werden dürfen. Der Koffer ist doch eh so eine Art Schulbuchaktion für erwachsene Bisher-nicht-Leser. Wenn's hilft, warum net? Fünf Kilo Kultur unters förderungsbedürftige Volk zu bringen dürfen einem doch so ein paar unwillige Literatur-Hansln-und-Greteln nicht verpatzen!

Und zu guter Letzt noch eins: Unter den vielen Kulturen, die wir heutzutage haben - der Wohnkultur, der Hochkultur, der Beiselkultur - gibt es auch eine Konfliktkultur. Und falls wenigstens Autoren ein Häuchlein "gemeinsamer Kultur" haben sollten, wäre es erfreulich, wenn sie einander trotz Austrokoffer in Ruhe ließen. Es gibt halt Autoren, die es drängt, ihre Koffer-Verweigerung publik zu machen. Und es gibt Autoren, die - so wie ich - die sonderbaren Briefe von Nenning und vom Verlag einfach ignorieren, was einem Nein gleichkommt. Und es gibt Autoren, die nichts dagegen haben, in den Koffer gepackt zu werden. Und sie haben wohl allesamt achtenswerte Gründe, sich so oder so oder so zu verhalten.

Und daher wäre es nett, fände das jüngst begonnene Autoren-Hickhack auf der vorletzten STANDARD-Seite schnell wieder ein Ende. Fian gegen Brandstätter und Mitgutsch, drauf Scharang gegen Fian - wäre anheimelnd, wenn das nicht ausufern würde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.9.2004)

Ein "Kommentar der anderen" der in Wien arbeitenden und lebenden weltberühmten Kinder- und Jugendbuchautorin (u.a. "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig")
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