Reportage: Bloß kein Eigentor in letzter Minute

17. September 2004, 19:00
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EU-Manie in der Türkei - Ausnahmezustand bei Verheugen-Besuch

Vor kurzem traf ich einen befreundeten türkischen Journalisten zum Mittagessen. Es fand einen Tag vor dem Rückzug der regierenden AKP in der Ehebruch-Causa statt. Der Mann war hochgradig nervös. Noch bevor wir richtig Platz genommen hatten, stöhnte er: "Wenn die Geschichte schief geht, verlasse ich das Land. Noch einmal halte ich die Nationalisten nicht aus. Ich hab' mich 25 Jahre mit denen herumgeschlagen."

Kaum ein anderes Thema

In der Türkei weiß bei diesen Sätzen jeder, worum es geht. Sollte die EU bei ihrem Gipfeltreffen am 17. Dezember gegen den Beginn von Beitrittsverhandlungen mit Ankara votieren, wird allgemein befürchtet, dass die zurzeit weit in die Defensive abgedrängten Nationalisten, Neofaschisten und Islamisten eine Renaissance erleben werden. Es gibt kaum ein anderes Thema als die EU-Entscheidung.

Ehebruch-Thema abgelehnt

Selbst ermordete türkische Geiseln im Irak oder US-Bomben auf die von Ankara protegierte turkmenische Minderheit können die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von jeder Regung in der EU nur kurzfristig ablenken. Fast einhellig verdammten türkische Zeitungen deshalb die Ignoranz der AKP, ausgerechnet drei Wochen vor dem entscheidenden Bericht der EU-Kommission am 6. Oktober, den Ehebruch aufs Tapet gebracht zu haben. Umso größer war die Erleichterung, als von dem unseligen Zusatz zum neuen Strafgesetzbuch abgesehen wurde. Nur wenige Minuten nach Bekanntwerden der Nachricht schloss die Börse auf einem All-Time-High.

Bereits die Woche zuvor herrschte Ausnahmezustand, weil Erweiterungskommissar Günter Verheugen vier Tage lang das Land bereiste. Das ist sein letzter Trip vor der endgültigen Formulierung des Fortschrittsberichts. Für Verheugen ließ jeder alles stehen und liegen - von Premier Tayyip Erdogan abwärts.

Hoffentlich kein Eigentor

Am Wochenende veranstaltete die AKP eine EU-Bekenntnis-Show unter dem Motto "Noch fünf Minuten bis zum Ziel", bei der von Erdogan über ausländische Manager bis zum früheren deutschen Nationaltorhüter Toni Schumacher, der vor 15 Jahren bei Fenerbahce Istanbul gespielt hatte, jede Menge Prominenz ihre Unterstützung bekannt gab. Doch die Stimmung im Saal blieb gespannt. Noch ist das Spiel nicht abgepfiffen und die Gäste dachten offenbar: Hoffentlich schießt Erdogan nicht in letzter Minute noch ein Eigentor. - Donnerstag kam heraus, dass die AKP statt des Ehebruchsparagrafen nun "sexuelle Untreue" unter Strafe stellen will. (DER STANDARD, Printausgabe 17.9.2004)

Von Jürgen Gottschlich aus Istanbul
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