Ahtisaari im STANDARD-Interview: "Es gibt keinen Weg zurück"

21. September 2004, 14:33
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Der Vorsitzende der "Unabhängigen Türkei-Kommission" im "Will in einem Europa leben, auf dessen Wort Verlass ist"

Standard: Sie beurteilen in Ihrem Bericht die Türkei sehr positiv. Was ist mit Europa? Ist die Europäische Union reif für Beitrittsverhandlungen mit Ankara?

Ahtisaari: Ich hoffe es. Ich jedenfalls will in einem Europa leben, auf dessen Wort Verlass ist. Wir haben die Türkei 1999 unter finnischer Präsidentschaft als Kandidatenland anerkannt. Wir sollten ein ehrenhafter Verhandlungspartner sein. Die Türken verlangen ja keine Gefallen, sondern nur, gleichwertig behandelt zu werden.

Standard: Die EU-Kommission ist in der Türkeifrage gespalten, in den Mitgliedstaaten formiert sich immer mehr Widerstand. Was erwarten Sie für den Fortschrittsbericht und den Gipfel? Gibt es einen Weg zurück?

Ahtisaari: Es ist klar, dass Menschen eine Meinung haben. Aber sie sollte auf Fakten gegründet sein. Und wir liefern diese Fakten in unserem Bericht. Ich weiß nicht, ob der Beginn von Verhandlungen durch die Abstimmungen geht. Ich hoffe aber, dass es zu einer einstimmigen Entscheidung kommt. Jedenfalls gibt es keinen Weg zurück.

Standard: Ist für Sie etwas anderes als eine Vollmitgliedschaft für Ankara vorstellbar?

Ahtisaari: Nein. Denn dann würden wir die Türkei nicht fair behandeln.

Standard: Viele fürchten einen Beitritt, ja sogar Beitrittsverhandlungen. Was sagen Sie etwa skeptischen Österreichern?

Ahtisaari: Falls die Verhandlungen im nächsten Jahr starten, wird es mindestens zehn Jahre bis zum Beitritt dauern. Bis dahin wird sich die türkische Wirtschaft grundlegend verändert haben, es wird Wachstum und Auslandsinvestitionen geben. Europa wird von türkischen Ressourcen profitieren, die türkische Armee wird auch der Europäischen Union Sicherheit garantieren. Die Furcht vor überbordender Immigration wird sich schon allein wegen des türkischen Wachstums als falsch erweisen.

Standard: Das waren Antworten für die Köpfe, die Angst der Menschen sitzt im Bauch.

Ahtisaari: Das ist traurig. Die Angst vor dem Unbekannten verhindert den Wandel. Wir müssen fragen, was denn diese Ängste ausmacht und ob sie überhaupt gerechtfertigt sind.

Standard: Trotz aller Reformen gibt es weiter Kritik am Umgang mit Minderheiten oder Frauen. Die EU-Kommission lässt 597 Foltervorwürfe prüfen. Zwischen Papier und Praxis besteht ein Unterschied.

Ahtisaari: Die Reformen müssen natürlich implementiert werden. Aber die Gesetze sind jetzt da und die Menschen haben die Chance, diese auch einzufordern. Es gibt in der Türkei eine starke Bürgerbewegung, die das mit Sicherheit auch tun wird.

Standard: Sind die politischen Kopenhagener Kriterien für eine solche Entscheidung überhaupt breit und präzise genug?

Ahtisaari: Ja, alles andere wird im Verhandlungsprozess noch einmal überprüft. Das ist eine historische Entscheidung. Sie ist weitaus wichtiger als etwa der Beitritt Finnlands oder Österreichs. Es ist ein Signal an die islamische Welt.

Standard: Ist es eine historische Notwendigkeit?

Ahtisaari: Ich würde sagen, es ist eine historische Chance. (DER STANDARD, Printausgabe 17.9.2004)

Zur Person

Martti Ahtisaari (67), Diplomat mit internationaler Karriere und ehemaliger finnischer Staatspräsident, ist ein Mann für schwierige Missionen. Im Jahr 2000 inspizierte er mit zwei weiteren Weisen im Auftrag der EU Österreichs Demokratie. Jetzt steht er der "Unabhängigen Türkei-Kommission" vor, die vom British Council und vom Open Society Institute George Soros’ finanziert wird. In Wien weilte er auf Einladung der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik.

  • Der Ex-"Weise" Martti Ahtisaari sieht die Entscheidung über den EU-Beitritt der Türkei als historische Chance.
    foto: standard/cremer

    Der Ex-"Weise" Martti Ahtisaari sieht die Entscheidung über den EU-Beitritt der Türkei als historische Chance.

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