Was Karl Kraus so wohl nicht gesagt hat

20. September 2004, 20:15
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Leitfaden durch "Das österreichische Deutsch" präsentiert

Wien - "Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gemeinsame Sprache!" Häufig wird dieses Zitat Karl Kraus zugeschrieben. Falsch, sagt Robert Sedlaczek. Er hat die EDV-Erfassung aller Kraus-Texte konsultiert und das entsprechende Zitat nicht gefunden. Wirklich nachweisbar sei der Satz erst in Kabarettprogrammen von Karl Farkas. Sedlaczek nimmt es mit der Sprache genau. Schon von Berufs wegen. Von 1989 bis 2003 war der studierte Germanist, Anglist und Publizist Geschäftsführer des Österreichischen Bundesverlages. Jetzt hat er bei Ueberreuter ein Handbuch herausgebracht, "Das österreichische Deutsch", das am Donnerstag in der Österreichischen Nationalbibliothek präsentiert wurde. Das eingangs erwähnte Zitat steht als Motto dem Buch voran.

Norden als Norm, Süden als Abweichung

Schon als Student, als er für eine in Österreich tätige internationale Nachrichtenagentur arbeitete, wurden ihm immer wieder hierzulande geläufige Ausdrücke aus seinen Meldungen herausredigiert, erzählt Sedlaczek. Später im Verlagsgeschäft stieß er immer wieder bei deutschen Vertriebspartnern auf Verständnisprobleme. "Österreichisch ist keine eigene Sprache, das zu behaupten wäre völlig falsch. Aber es gibt die deutsche Sprache in zwei Ausformungen: ein deutsches Deutsch und ein österreichisches Deutsch. Der Duden neigt dazu, den Norden als Norm zu begreifen und den Süden als Abweichung. Mir geht es darum, die Gleichwertigkeit zu zeigen. Was in Österreich gesprochen wird, ist keine Abartigkeit des Deutschen."

Mehr als 1.300 Ausdrücke und Redensarten aus dem österreichischen Deutsch listet Sedlaczek auf und stellt sie (kenntlich gemacht durch kleine Länder-Fähnchen) ihren deutschen Pendants gegenüber. "lei(n)wand, bärig, klass" tritt gegen "toll, klasse, geil, knorke" an, "Zwutschkerl" trifft auf "Krümel, kleiner Wicht, Murkel", das "Bussi" auf das "Küsschen", der "Sessel" auf den "Stuhl". Zahlreiche vierfärbige Illustrationen aus Medien und Werbung dienen als Belege und sollen dem Werk den Charakter eines Hausbuches verleihen, das auch zum Schmökern einlädt. Fast 500 Seiten umfasst das Buch, "es könnte allerdings auch doppelt so dick sein", versichert der Autor, der weiß, dass seine Sammlung nur eine Momentaufnahme darstellt. Denn obwohl viele der aufgelisteten Unterschiede sehr alt sind (und Sedlaczek liefert eingehende etymologische Hintergründe), entwickeln sich Sprache und Sprachgebrauch rasch weiter.

Perfekt wanderte nordwärts

Er hege keine Angst vor einem zunehmenden sprachlichen Hegemonismus des Nordens, versichert Sedlaczek, im Wortschatz gebe es einen Austausch zwischen Norden und Süden und umgekehrt. Während man bei uns dank deutscher Privatsender etwa manches bereits "lecker" fände, sei zum Beispiel der "Strudel" auch im Norden heimisch geworden. Noch viel massiver sei es bei der Grammatik, der das Buch ein eigenes Kapitel widmet. Das in Österreich häufig verwendete Perfekt habe mittlerweile sogar in "Spiegel"-Gesprächen Einzug gehalten.

"Mit dem EU-Beitritt ist das Interesse an der österreichischen Identität stark gewachsen", glaubt Sedlaczek an den richtigen Zeitpunkt für sein Buch, "Man ist sensibilisiert für das Thema." Während mit dem berühmten Protokoll Nr. 10 1994 nur 23 österreichische Begriffe in die EU-Amtssprache aufgenommen wurden (übrigens alle, einschließlich der "Marille", aus dem kulinarischen Bereich), gibt es in einer EU-Datenbank 4.000 österreichische Ausdrücke, die den Dolmetschern das Verständnis erleichtern sollen. "Ich glaube nicht, dass man von staatlicher Seite einen Sprachgebrauch vorschreiben kann und soll. Wenn die Politik etwas machen kann, dann sind es Aktionen im Bereich des Bewusstseins. Wir sollten uns auch davon frei machen, dass die österreichische Variante Umgangssprache ist, die norddeutsche die Hochsprache." Die österreichische Sprachvariante habe zudem einen sehr hohen Sympathiewert auch im Norden Deutschlands. Das Buch ist daher als bewusstseinsbildende Maßnahme zu verstehen: "Wenn die Leute nach der Lektüre das Gefühl haben, 'Wir können stolz auf unsere Sprache sein!', dann wäre schon viel gewonnen." (APA)

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