Eine Zahl wie jede andere

16. September 2004, 23:34
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Die Modedesignerin Ute Ploier sieht ihre Arbeit als eine Art Rollenspiel. An eine verbindende Eigenschaft zwischen 30-Jährigen glaubt sie nicht

Mit einem Vater als Arzt und einer Mutter als OP-Schwester war es irgendwie schon klar, dass Ute Ploier mit dem passenden Set von Playmobil ausgestattet wurde. "Mich hat beim Spiel immer beschäftigt, dass die Figuren denselben Gesichtsausdruck hatten, egal, ob es sich um einen Chirurgen bei der Arbeit oder einen Indianer auf Kriegspfad handelte", erzählt die Modedesignerin. Dazu fällt ihr auch eine Szene aus einem Film mit Brad Pitt ein, in der dieser an Bord eines Fliegers bemängelt, dass die Gesichter auf den Notfall-Info-Karten angesichts des dräuenden Unglücks derart relaxt dreinschauen. Ploier würde also verschiedene Mienen-Spielereien im Playmobilland einführen.

Dennoch, nach all den Jahren gab es schon ein kleines bisschen Vertrautheit, als sie wieder einmal ein paar Figuren in die Hand bekam. Ploier, die noch zwei Jahre Zeit bis zum 30er hat, entschied sich für Bau- und Straßenarbeiter als Mitwirkende auf dem Foto. Weil ihre letzte Kollektion das Thema Arbeitsgewand mit Luxusaccessoires verbinden sollte. "Es ging um Overalls und Werkzeuggürtel, im Zentrum standen Objekte wie Motorsägen und Bohrmaschinen", erklärt sie. Wo wir schon wieder beim Thema Playmobil wären, denn die Frage, wie ein Objekt an verschiedenen Typen wirkt, ist vor allem im kindlichen Spiel mit den Figuren aus dem fränkischen Zirndorf eine oft gestellte. Und - welcher Erwachsene drückt schon einem Burgfräulein einen Colt in die Hand?

Ploier geht es auch in der Mode um Rollenspiele, darum, verschiedene Geschichten zu erzählen. Sie möchte Versatzstücke unterschiedlicher Klischees neu zusammensetzen, neu interpretieren. Darum entwirft sie auch ausschließlich Männermode. "Mich hat immer interessiert und bestimmt auch beeinflusst, dass es sehr viele Männer gab und gibt, die Frauenmode entwerfen, umgekehrt dies aber kaum der Fall ist. Ich habe einfach Lust, das Klischee vom Herrendesigner umzudrehen", erläutert sie. Vorbilder gäbe es keine, da sei ihr die Gefahr des Kopierens zu groß. Designer, die sie schätzt, gibt es aber schon, zum Beispiel Martin Margiela.

Seit zwei Jahren präsentiert sie ihre Mode in Paris, verkauft nach London, Japan und Antwerpen. Gut davon leben könne sie nicht, noch nicht. "Es geht sich gerade irgendwie aus", sagt sie. Sich weiter zu etablieren, die kommerziellen Bedingungen mit den künstlerischen zusammenzubringen, lauten ihre Ziele. Nein, die Arbeit sei nicht das Wichtigste im Leben. Es gehe um ein großes Ganzes. Ausgehen, mit Freunden zusammen zu sein, zu beobachten, was passiert, in der Kultur, in der Gesellschaft, all das fließe in ihre Persönlichkeit ein.

Auf ihren 30er blickt sie sehr gelassen. Sie macht sich darüber eigentlich gar keine Gedanken. Es sei nur eine Zahl. Laut Ploier definiert sich Alter ganz anders, über soziale Schichten, über Werdegänge, über Charaktere, darüber, ob man schon früh Kinder bekommt, und so weiter. "Ich denke nicht, dass es ,die' 30-Jährigen gibt", sagt sie bestimmt.

Ohne jetzt hier auf Zahlen herumreiten zu wollen, wie hat es Ute Ploier mit dem Jahr 2004? "Ich denke, die Zeit ist nicht schlecht, vor allem wenn man bedenkt, mit welchen Ängsten viele Eltern unserer Generation in den Kriegsjahren aufwachsen mussten." Den größten Unterschied zur Vorgängergeneration sieht sie im Denken in Dekaden und der Planung der Lebensabschnitte. "Ich denke, wir sind da viel freier", meint sie. Und sonst? "Ja, da ist noch die Geschichte mit den ungeheuren Wandlungen in Sachen Medien- und Kommunikationstechnologie. Es ist schon erstaunlich, wie schwer sich ältere Leute zum Beispiel mit der Bedienung von Handys tun. Für sie kann sogar das Einschalten eines Mikrowellenherdes zum Problem werden". (Michael Hausenblas, DER STANDARD, rondo/17/09/2004)

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