Einmal Piratin sein

16. September 2004, 23:33
1 Posting

Mit ihren Liebesgeschichten fing sie den Sound ihrer Generation ein. Jetzt wurde Rosemarie Poiarkov selbst 30

"Ich möchte eine Liebesgeschichte erzählen, aber es gibt keine Geschichten mehr über die Liebe." Es waren Sätze wie dieser, mit denen Rosemarie Poiarkov damals in der österreichischen Literaturszene aufhorchen ließ. Sätze, die den Mund ziemlich voll nahmen und trotzdem überzeugten. Die vor Pathos nicht zurückschreckten und das mit Recht. Es war der Sound einer Generation, der hier plötzlich auch in Österreich zu vernehmen war. Zu einer Zeit, als in Deutschland viel von aufstrebenden Pop- literaten zu hören war.

Damals, das ist jetzt auch schon wieder drei, vier Jahre her. Die in Baden bei Wien geborene Rosemarie Poiarkov ist seit Monaten 30 und an diesem Morgen noch ein wenig verschlafen. "Ja, ich weiß mittlerweile genauer, was ich will", sagt sie. Und: "Ich finde es O.K., wenn ich mich weiterhin durchs Leben wurstle". Ihre Geschichtensammlung "Eine CD lang" (Als Hardcover bei Zsolnay, als Taschenbuch bei Dtv erschienen) hat Poiarkov mit Mitte 20 geschrieben. Zu einer Zeit, als sie gerade ihr Studium der Philosophie, Germanistik und Politikwissenschaften abschloss. Hernach arbeitete sie im Online-Journalismus, schrieb ein Theaterstück, stand Robert Quitta bei einer seiner Inszenierungen als Regieassistentin zur Verfügung, verfasste mal dieses und mal jenes. Eine Schriftstellerkarriere? Nein, die hatte sie nie geplant. Eine Laufbahn als Journalistin? Klappte auch nicht wirklich.

Rosemarie Poiarkov könnte auch eine Figur in einer ihrer eigenen Geschichten sein. Jemand, der das Leben an sich vorbeiziehen lässt und immer wieder die Hände nach ihm ausstreckt. "Wir alle suchen doch Geborgenheit und verlorene Sehnsüchte, darüber können wir alle Lieder singen, und ich fang gleich an, sonst traut sich keiner." Einen Satz wie diesen würde Poiarkov mittlerweile wahrscheinlich nicht mehr schreiben.

"Ich bin doch keine 25 mehr" sagt sie und fragt im nächsten Atemzug, ob man Nino De Angelos "Jenseits von Eden" kenne. Mit der 80er-Jahre Schnulze fing ihr Theaterstück "Küchenliegen" an. Auch dies (obwohl die Figuren unterschiedlich alt sind) ein Stück über ihre eigene Generation. Eine Generation, die für die Generation Golf ein bisschen zu jung und für die 9/11-Generation ein bisschen zu alt ist. "Wahrscheinlich gehören wir zu einer Art Zwischengeneration", sagt sie, ohne das besonders zu bedauern. Schließlich blieb einem der Schock angesichts des Platzens der Dotcom-Blase genauso erspart wie das Retrogedudel der Wickie, Slime & Paiper-Geprägten. Ob sie mit Playmobil gespielt habe? Nein, dafür sei sie zu alt gewesen.

Gerade hat Poiarkov Honoré de Balzacs "Die Frau von 30 Jahren" gelesen, ein Buch, das nicht gerade zur Standardlektüre ihrer Generation gehört. Mit den Lebensumständen einer Frau zu Anfang des neuen Jahrtausends hat das Schicksal der darin porträtierten Julie d'Aiglemont, die aus ihrem Leben flüchtet und sich mit einem Piraten einlässt, vergleichsweise wenig zu tun. Trotzdem: "Es geht um die Möglichkeiten eines aufregenden Lebens, um einen Aufbruch, bei dem man nicht weiß, wo er einen hinführt."

D'Aiglemont erleidet am Ende Schiffbruch, ein Schicksal, das Poiarkovs Playmobil-Figuren, mit denen sie fürs RONDO-Fotoshooting spielt, erspart bleibt. Eine Kampfszene zwischen Bauern und Piraten hat die Autorin mit Bezug zu Balzacs Roman nachgestellt, und natürlich liegen Poiarkovs Sympathien eher bei Letzteren. "Das Idyll ist weniger meine Sache."

Das ist auch in ihren Geschichten zu spüren, die eher den Ennui einer Erbengeneration als das Vergnügen der Spaßfraktion beschreiben. Als Generationen-Autorin will sich Poiarkov trotzdem nicht verstanden wissen: "Damals lag es in der Luft, Bezugspunkte zum eigenen, ganz konkreten Leben herzustellen. So kam das Gerede von der Popliteratur auf. Das war so etwas wie ein Programm."

Heute schreibt Poiarkov wieder "zeitloser" - auch wenn ihr eigenes Leben durchaus zur Musterkarriere einer bestimmten Generation taugen würde: das Leben zwischen den Jobs, zwischen Broterwerb und Kreativität, als Selbständige ohne genaue Vorstellung, was der eigene Tätigkeitsbereich denn nun eigentlich ist. "Das mit der Musterkarriere", sagt Poiarkov, "das sehen komischerweise immer nur die anderen so." (Stephan Hilpold, DER STANDARD, rondo/17/09/2004)

Share if you care.