C.Reif, die Moral eines Kolumnen- schreibers

23. September 2004, 19:17
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Mit der Moral eines Kolumnenschreibers ist es nicht weit her. Ich zum Beispiel stehle. Wie oft schon habe ich an diesem Plätzchen originelle Gedanken ausgebreitet, die jemand anderes so vertrauensselig war, mir mitzuteilen. Es endet bestimmt wie im Woody Allen-Film, wo Mr. Allen zu einer Preisverleihung eingeladen wird und keinen einzigen Freund findet, der ihn begleitet. Weil er vorher detailliert die Eitelkeiten seiner Freunde schreibend verewigt hatte. Einsamkeit im Alter, meine Damen und Herren, ist der Preis dafür, dass man sich befugt fühlt, all die sich tummelnden Befindlichkeiten um sich herum zu verstricken. Einsamkeit und Gefahr.

Neulich meinte Dr. P., diese Kolumne sei absolut unverständlich und ich solle sie besser ihm überlassen. Seitdem fürchte ich, dass ein neuer Fall Mozart-Salieri auf Wien zudämmert. Ich erwarte stündlich den Auftrag, eine Grabrede für einen anonymen, selbstgefälligen Schreiberling zu texten und, sobald sie fertig ist, werde ich in irgendeinem Rinnstein ermordet aufgefunden. Oder so ähnlich. Und Dr. P. schreibt dann die Kolumne weiter. Vielleicht sollte ich vorbeugen und ihn als Ghostwriter einstellen?

Ehrlich, noch lieber, als alles immer selbst zu machen und mir überall Feindschaften zuziehen, würde ich mich bei Tageslicht in einem Lotterbett wälzen mit liebenswerten, feurigen Liebhabern, derweil ein fürsorglicher Gatte Champagner und Huhn bringt, die Kinder gewaschen in die Schule schickt und Dr. P. die Kolumne schreibt. Das käme meiner Vorstellung von dolce vita recht nahe. Aber all meine bisherigen Chefs haben mir eingeschärft, man dürfe nur jemanden einstellen, der um Längen besser ist als man selbst, sonst muss man sich nur ärgern. Deshalb überlasse ich heute die Kolumne Lady Mary Montague.

Sie bereiste im frühen 18. Jahrhundert Wien und berichtet, dass jede Wiener Dame zwei Männer hat, wobei "der eine den Titel eines Ehemannes führe, der andere dessen Pflichten zu erfüllen hätte". Zu Gesellschaften wären stets beide Herren eingeladen, und natürlich dürfe die Dame zur Gänze über das Vermögen der beiden verfügen. Die Familien der Liebhaber würden nicht selten völlig ruiniert. Und die jährliche Rente, welche die Dame vom Liebhaber bekäme, würde öffentlich in der Stadt diskutiert. Schreibt Lady Montague. Aus Wien. Was mache ich falsch in dieser Stadt? Lady Montague schreibt das übrigens nach London, an ihre Freundinnen, die "längst zur Prüderie und zur Flasche Zuflucht genommen haben".

London ist heutzutage wohl überall. Vielleicht bin ich zu alt und zu hässlich, frage ich mich. Aber Lady Montague beruhigt mich: In Wien wird eine Dame unter 35, 40 überhaupt nicht ernst genommen, und mit "Hässlichkeit hat es Gott dem Allmächtigen gefallen, sie hier allesamt und ohne Ausnahme reichlich auszustatten".
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/17/09/2004)

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